Elfter Wandertag
Ich rieche das Meer. Dieser Duft hat immer etwas Besonderes. Man saugt die Luft noch mal tiefer in die Lungen ein und träumt von fernen Kontinenten.
Die Nacht habe ich wieder auf einem Rastplatz verbracht, diesmal nahe der Autobahn. Es sind viele Autos vorbeigefahren – irgendwann um 1:00 Uhr nachts war ein Trupp Franzosen da und hat sehr viel Lärm gemacht.
Es war nicht der beste Ort zum schlafen, aber ich hatte immerhin fließendes Wasser und konnte einige Stunden schlafen. Etwas besseres wäre mir davor und danach auch gar nicht begegnet.
Bis jetzt habe ich einen gemischten Eindruck vom Camino del Norte. Mein erster Eindruck ist, dass viele Teile der Strecke geteert sind. Im Groben folgt der Weg einfach dem Tal, in dem auch die vierspurige Autobahn verläuft. Das ist alles wenig charmant.
Von der Küste ist bis jetzt auch nicht so viel zu sehen. Hübsch sind natürlich die kleinen Fischerdörfer, wie San Vicente de la Barquera, wo ich gerade bin. Hier sind die Cafés und Restaurants dicht gereiht, natürlich sind die Preise Touristenpreise (zwei Euro für ein Espresso ist schon recht viel in Spanien).
Im Park von San Vicente de la Barquera sitzen zwei ältere Herren auf einer Bank. Vor der Bank sind zwei Tretkurbeln aufgebaut, und die älteren Herren Pedalieren um die Wette, und zählen jede Kurbel-Umdrehung mit. Neben ihnen lehnen jeweils ihre Gehstöcke aus Holz an der Bank, auf ihren Nasen sitzen altmodische Sonnenbrillen.
Ich habe mich aber eben zu früh beklagt, dass der Weg nicht viel an der Küste lang führt.
Ein gutes Stück laufe ich heute sogar direkt am Strand, barfuß, durch die Brandung. Was ist das schön!
Ich spreche einen alten Bauern an und sage ihm, was er doch für ein Glück habe, an so einem tollen Ort seine Felder zu haben.
Der Bauer zuckt mit den Schultern, zögert kurz, und meint: „Ja, hier gibt es keine Luftverschmutzung. Aber arbeiten muss man hier genauso, wie an jedem anderen Ort.“
Er lächelt mich an: „Buen Camino“, sagt er und stampft seinen Kühen hinterher.
In einem kleinen Dorf, das von einem Hügel eine wunderschöne Bucht überblickt, setze ich mich auf dem Spielplatz hin und fülle dort an dem Wasserhahn meine Flaschen auf (Spielplätze haben hier fast immer einen Wasseranschluss mit Trinkwasser).
Plötzlich kommen drei kleine Jungs angerannt, von denen der kleinste etwas in seinen Händen versteckt hält. Als sie vor mir stehen, höre ich ein aufgeregtes Quieken von zwischen den Fingern des Jungen hervortönt. Es ist ein kleines Entenküken!
„Das haben wir heute gefunden“, erzählen mir die Jungs. „Die Ente war ganz allein und verloren. Wir haben sie gerettet!“
Jetzt haben die drei eine Pappkiste mit Heu und Gras gefüllt, und dort soll das kleine Küken nun die Nacht verbringen. „Hoffentlich überlebt es“, meint der älteste Junge nachdenklich.
Ich laufe noch ein wenig weiter, und um 19:00 Uhr entscheide ich: jetzt reicht es für heute. Ich habe wieder eine schöne Picknickecke gefunden, direkt neben einem Strand. Ich koche in aller Ruhe meine Nudeln mit Tomatensoße und höre dem Rauschen des Meeres zu.
Noch sind viele Menschen am Strand, doch ein kurzer Regenschauer verscheucht fast alle. Trotzdem warte ich noch bis kurz vor zehn, um mein Zelt aufzustellen. Es soll ja keiner Anstoß daran nehmen, dass ich hier nächtige.
Morgen geht es weiter in Richtung Santillana del Mar und am darauf folgenden Tag nach Santander, meine letzte volle Etappe auf dem nördlichen Jakobsweg.
Jetzt werde ich aber mein Zelt aufbauen und, wie es Juanjo mir gestern sagte, keinen Gedanken an Morgen verschwenden. Gute Nacht!

