- Wandertag
Beducedo – Castro (28 Km)
Es ist der 5. August. Heute werde ich 25! Der Herbergsbesitzer, hinter dessen Herberge ich gezeltet habe, ist auch am Morgen nicht erschienen. Deshalb nehme ich die kostenlose Übernachtung und Möglichkeit, meine Batterien zu laden, als kleines Geburtstagsgeschenk an.
Ich frühstücke zusammen mit der einzigen anderen Pilgerin, die noch in der Herberge ist. Dabei ist es gerade erst 8:00 Uhr.
Draußen ist es noch ziemlich kalt und nebelig. Die Pilgerin kommt aus Ungarn und ist mit ihrem Freund unterwegs, der allerdings noch schläft. Sie heißt Anna und erzählt mir, dass sie das erste Mal mit ihrem Bruder wandern war. Eine Woche auf dem Blue Trail in Ungarn.
„Beim nächsten Mal will ich aber auch mit Zelt und Kocher unterwegs sein, so wie du“, sagt Anna.
Als sie erfährt, dass heute mein Geburtstag ist, sagt Anna, dass sie mir gerne ein Geschenk machen würde. Sie holt eine Muschel aus ihren hellbraunen Rucksack und erzählt: „Die Muschel habe ich in Irun (im Baskenland nahe der Grenze zu Frankreich) am Strand gefunden. Ich wollte sie bis nach Compostela mitnehmen, um dort ein Loch hinein zu bohren und sie mir an den Rucksack zu hängen. Aber ich finde die Wanderung, die du gemacht hast, ist noch viel cooler und hat die Muschel noch viel mehr verdient. Ich schenke sie dir.“
Ich freue mich sehr über das nette Geschenk. Diese an sich nicht außergewöhnliche Muschel wird für mich nun immer eine Erinnerung an meinen 25. Geburtstag und die Begegnung mit Anna auf dem Pilgerweg sein – und ist damit für mich persönlich etwas sehr besonderes geworden.
Die ersten 20 Wanderkilometer führen mich auf dem sogenannten Camino Primitivo nach Grandas del Salime. Der Camino Primitivo ist eine Variante des Jakobsweges, die in Oviedo beginnt und durch das asturianische Hinterland nach Galizien und Santiago de Compostela führt.
Unterwegs treffe ich viele andere Wanderer. Ich unterhalte mich länger mit zwei Frauen aus Dänemark und auch mit einer Niederländerin, die mit ihrer etwa achtjährigen Tochter unterwegs ist. Das kleine Mädchen läuft ziemlich schnell. Die Mutter lächelt: „Wenn sie müde ist und ankommen möchte, läuft sie immer schneller.“ Heute sind sie 15 Kilometer gelaufen.
In Grandas de Salimes besuche ich ein ethnologische Museum, in dem Gegenstände aus dem Leben früherer Jahrhunderte ausgestellt sind. So gibt es dort eine alte Mühle, in der auch heute noch Getreide gemahlen wird. Ich schaue mir die Eisenschmiede an, einen Getreidespeicher, eine alte Apotheke und Imkerwerkzeug, aus Zeiten, in denen es noch keine Bienenkästen gab, sondern die Völker in einem ausgehöhlten Baumstamm gehalten wurden.
Ein Holzdrechsler führt an einem mit dem Fuß über einen Lederriemen betriebenen Drechslerapparat vor, wie früher Teller, Krüge und Dosen aus Holz gefertigt wurden. Ein Krug mit Griff und Auslass wurde damals aus einem einzigen Stück Holz hergestellt.
„Das kann keine moderne Maschine“, betont der Holzdrechsler. „Diese können nur Runde Gefäße herstellen, und Griff und Auslass müssen extra geformt und angeklebt werden.“
Er hält einen etwa 30 cm hohen Krug in die Höhe: „Hier steckt ein ganzer Arbeitstag drin“, erzählt er.
Um 18:00 Uhr verlasse ich das Museum, schultere meinen Rucksack, und laufe weiter in Richtung Castro. Ich habe nun den Camino Primitivo wieder verlassen und befinde mich allein im Wald.
Als ich an ein Feld komme, finde ich dort einen wunderbaren Pflaumenbaum, von dem ich mit Sicherheit 30 Pflaumen pflücke und hinunterschlinge. Eine leckere Geburtstagsüberraschung!
Kurz darauf treffe ich einen alten Bauern mit imposantem Schnurrbart, der mich für einen verirrten Pilger hält, und versucht mich in die seiner Meinung nach richtige Richtung zu lenken.
Es ist schwierig, den älteren Herren, der es natürlich nur gut meint, zu überzeugen, dass ich mich nicht verirrt habe. Als ich mich nach 10 Minuten endlich von dem Bauern lösen kann, atme ich erleichtert auf.
Einige Kilometer weite baue ich an einem Bachlauf mein Zelt auf. Unter normalen Umständen könnte ich nun den Tieren zuhören, aber heute ist alles anders.
Zwei große, gelbe Löschflugzeuge, zwei-Propellermaschinen, fliegen im Tiefflug über die Baumgipfel. In einem nahegelegenen Stausee tanken Sie Wasser und fliegen dann zu einem Berg, den ich am Horizont sehe, und an von Flanke dichter Rauch in den Himmel emporsteigt. Alle sieben oder acht Minuten kommen die Löschflugzeuge wieder zurück und tanken neues Wasser.
Eigentlich brennt es soweit im Norden Spaniens eher selten. Aber dieses Jahr ist anders. Das haben mir alle Bauern erzählt. Es ist viel zu trocken. Viel trockener als je zuvor. Die ausgedörrten Gräser und Heidesträucher hat man sonst allerhöchstens mal im September gesehen. Da ist es kein Wunder, dass die Flammen auch immer weiter nach Norden kommen.
Der Wind steht günstig und so rieche ich keinen Rauch, als ich mein Zelt aufbaue. Ich esse spät mein Abendessen, Reis mit pikanten Sardinen. Meinen Abwasch mache ich, als es bereits dunkel ist. Schnell noch Zähneputzen, und dann breite ich mich in meinem Schlafsack aus.
Ich habe das Zelt keine 10 Minuten geschlossen, da höre ich im Wald neben mir ein Schnaufen und Grunzen, das nur ein Wildschwein sein kann. Früher hat mich das beunruhigt, und ich hatte Herzklopfen.
Mittlerweile weiß ich, dass die Wildschweine Besseres zu tun haben, als mich in meinem Zelt zu stören. So schlafe ich ganz ruhig ein, während das Wildschwein in der Nähe nach seinem eigenen Abendessen sucht. Es sei dem Wildschwein gegönnt.
