- Wandertag.
Besullo – Beducedo (27 Km)
Es geht mitten hinein in die Einöde – eine Einöde, die ich schon 2022 mit meinem Fahrrad durchquerte. Diese Landschaft ist einzigartig. Sie ist eine Wüste, eine Wüste aus Heide. Es ist trocken, nur noch wenige Pinien überleben auf der Höhe, und auch diese härtesten aller Bäume sind gestutzt und vom Wetter verformt.
Auf einem Berg neben mir drehen sich Windturbinen der Marke Sinae. Den Farben des Logos nach zu urteilen, handelt es sich um eine portugiesische Energiefirma.
Ein warmer, trockener Wind fegt über den Bergrücken. Der Wind pfeift in den Schlaufen meiner Wanderstöcke, eine fast gespenstische Melodie entsteht.
So habe ich auch diese Landschaft in der Erinnerung aus dem Jahr 2022. Der Wind, die Wärme, die Trockenheit. Die absolute Abgeschiedenheit. Ich war damals von dieser Landschaft fasziniert und bin es heute wieder.
Nach über fünf Stunden in der prallen Sonne, finde ich endlich einen Bach, an dem mir knorrige Stieleichen einen schattigen Rastplatz schenken.
Ich habe die zweite Flasche eiskalten Wasser aus dem Bach ausgetrunken und lehne mich genussvoll zurück an meinen Rucksack. Da sticht es in meinen Rücken! „Aua!“, rufe ich, obwohl mich niemand hören kann. Schnell reiße ich mir das T-Shirt vom Leib. Hinten am Rücken schwillt der Wespenstich schon an. Wie soll ich bloß sehen, dass da eine Wespe sitzt?
Es ist schon das zweite Mal in diesem Jahr, dass mich die Stechinsekten überlisten. Im Frühling bin ich in meinem eigenen Zimmer auf eine Hornisse getreten. Wenn ich an den Schmerz von diesem Stich zurückdenke, kann ich über den Wespenstich zum Glück nur noch lächeln.
Ich schmiere die Salbe drauf, die ich auch gegen die Bettwanzen-Bisse genommen habe, und hoffe, dass der Stich in den nächsten Tagen nicht zu viele Beschwerden macht.
Abends erreiche ich das kleine Dorf Beducedo. Die letzten 5 km des Weges führten mich durch einen Pinienwald. Links und rechts das Weges blüht die Besenheide lila. Das ausgetrocknete gelbe Gras zwischen den Pinie leuchtet golden in der Abendsonne.
Immer wieder laufe ich an Wegmarkern vorbei, auf denen die gelbe Jakobsmuschel abgebildet ist. In dem staubigen Boden sind die Spuren hunderter Pilger eingefroren, die heute vor mir diesen Weg gegangen sind.
Zu dieser späten Stunde sind aber keine Pilger mehr unterwegs. Als ich ins Dorf komme, sind alle Herbergen voll belegt und ich sehe keinen geeigneten Zeltplatz. Deshalb schlage ich mein Zelt kurzerhand hinter einer Herberge auf. ich versuche den Besitzer der Herberge zu erreichen, aber dieser meldet sich nicht. „Wird schon ok sein“, denke ich mir. „Wenn er morgen da ist, dann treffen wir uns.“
Ich rede ein bisschen mit den anderen Pilgern, die irgendwie in dieser Herberge alle aus Italien zu kommen scheinen.
Auf einer Picknickbank koche ich mein Abendessen: Ein Basmatireis mit Tomatensoße und Thunfisch aus der Dose. Als die Sonne um 10:00 Uhr untergegangen ist, weht der Wind einen feuchten Nebel aus dem Tal durch die Straßen des Dorfes. Die Straßenlaternen nehme ich nur noch als gelbe Kugeln wahr, die in der Luft zu schweben scheinen. Alle Geräusche sind gedämpft. Der Tag legt sich leise zur Ruhe. Es ist Zeit, zu schlafen.

