Ich weiß, dass einige Leser schon gespannt auf diesen Bericht warten (liebe Grüße Sophie!)
Ich werde ein bisschen von meinen vier Tagen zusammen mit Adèle und Thomas berichten, ein französisches Pärchen, das ich auf der Fähre von den Peloponnesen nach Kreta kennengelernt habe.

Thomas ist Geograph, Adèle Neurochirurgin. Die beiden sind mitte Dreißig. Adèle hatte keine Lust mehr auf ihre Arbeit und hat sich deshalb neun Monate Zeit genommen, um ihrem Leben eine neue Richtung zu geben. Ihr Freund Thomas nahm sich einen Monat Urlaub, um Adèle bei einem Teil ihrer Radreise durch Griechenland zu begleiten.

Ich fahre auf Kreta zunächst einige Tage allein, auf der Suche nach alten, monumentalen Olivenbäumen. Doch nach etwa einer Woche kreuzen sich mein und Adèle und Thomas Wege.

Es ist gewissermaßen ein ungeschriebenes Gesetz, dass je mehr Radreisende zusammen unterwegs sind, umso kleiner werden die Tagesstrecken. Wir gehen in Cafés, probieren kretisches Essen und kochen zusammen. Dazwischen fahren wir etwa vierzig Kilometer am Tag.

Wir zelten wild, meistens in der Nähe von Kapellen. Davon gibt es in Griechenland drei Stück an jeder Ecke und viele haben einen Wasseranschluss. Meistens ist es dort auch schön ruhig, doch die Ausnahme bestätigt bekanntlich die Regel.

Eines morgens bereiten wir unser Frühstück zu, als ein Geländewagen vorfährt. Aufschrift: Cretan Safari. Sechs Touristen steigen aus, bewaffnet mit Handy und Kameras. Es kommen noch fünf weitere Wagen vorgefahren. Schon stehen dreißig Urlauber auf der anderen Seite vom Zaun. Es dauert nicht lange, bis sie uns entdecken. Schon werden wir fotografiert.
Ich fühle mich wie im Zoo, sagt Adèle.
Während der Gruppenleiter etwas über den Potami Stausee erzählt, gucken einige der Touristen neugierig zu uns hin.

Oben: Eine Zeichnung von Adèle
“Cretin” bedeutet auf Französisch “Idiot”, sagt Adèle. Idiotensafari also…Adèle spielt auf die Aufschrift auf den Geländewagen an.
Dann fängt Adèle an, für die Touristen Affe zu spielen. Sie tut so, als würde sie Läuse aus Thomas Haaren picken und essen, genau wie es die Affen auch machen.
Ich glaube, unsere Zuschauer finden es lustig. Thomas und ich lachen jedenfalls Tränen.

Abends treffen wir auf eine Hochzeitsgesellschaft. Dummerweise fällt einem Mann das Handy in den Gulli. Die Braut ist vergessen, alle versuchen, den Gullideckel hochzustemmen. Doch der bewegt sich nicht. Auch nicht mit der Brechstange.

Wir schauen eine Viertelstunde lang zu. Einige Männer spielen zur Beruhigung mit ihren Komboloi, Perlen- oder Würfelketten, die auf Kreta sehr beliebt sind und sowohl als Zeitvertreib als auch Statussymbol dienen. Je nach Material (Kunststoff bis hin zu Elfenbein oder Bernstein) können die Ketten viele hundert Euro kosten.

Auch mit diesem Gurt gelang die Rettung des Handys nicht.
Wir fahren weiter.
Ich entdecke noch eine seltene Orchideenart (herzförmiger Zungenstendel), ein großes Glück, denn die Saison neigt sich dem Ende zu.

Uns begegnet traditionelles Landleben. Kreta verändert sich durch den Tourismus, aber vor allem ältere Menschen kleiden sich oft noch sehr traditionell.

Adèle und Thomas nehmen von der Inselhauptstadt Heraklion eine Fähre nach Athen. Thomas fliegt von dort zurück nach Frankreich. Adèle wird den Norden Griechenlands per Rad weitererkunden. Natürlich gibt es ein leckeres Abschiedsessen – das lassen wir uns doch nicht nehmen! Und mit Franzosen lässt sich gutes Essen ganz besonders genießen!

Das Reisen ist wie eine Zugfahrt, Leute steigen ein und wieder aus. Man lernt sich kennen und verabschiedet sich wieder. Ich bin für einen kurzen Moment traurig über den Verlust meiner zwei netten, lustigen und interessanten Mitreisenden. Dann sehe ich aber, was ich hinzugewonnen habe: Zwei neue Freunde. Und wenn mich das nächste Mal Touristen beim Frühstück fotografieren, traue ich mich vielleicht, auch den Affen zu spielen😜


