Tag 4 ( Dritter Wandertag)
Cabanaquinta – Entrialgo (ca. 23Km)
Ich habe ausgeschlafen! Erst um neun Uhr werde ich wach, so gut habe ich neben dem Bach geschlafen. Um halb 11 bin ich schließlich unterwegs. 2 Kilometer lang muss ich an einem alten Betonwerk vorbei eine Teerstraße den Berg hoch laufen. Dann wechselt der Belag und ich bin den Rest des Tages nur noch auf traumhaften Schotter und Fußpfaden unterwegs.
Es geht vorbei an den Hórreos, traditionelle asturische (und galizische) Kornspeicher. Die viereckigen, mit Brettern verkleideten Kornspeicher stehen auf hölzernen Stelzen, damit keine Nagetiere und Feuchtigkeit vom Boden die Ernte verderben. In jedem Ort stehen etliche, teilweise direkt zwischen den Wohnhäusern.
Die erste Pause des Tages: Die Kuhglocken läuten, die Grillen zirpen, in der Ferne brummt ein alter Motor. Die Bergspitzen schweben in einem bläulichen Dunst, der Himmel ist strahlend blau, und am Gipfel weht eine leichte Brise. Hinter mir steht eine Kapelle aus grauem Granit und ich sitze im Schatten einer Buche.
Es ist 15:30 Uhr nachmittags und ich habe die ersten 15 Kilometer hinter mir. Das klingt nicht nach viel, aber die Wege waren anspruchsvoll: Überwuchert, steinig, steil. Trotzdem war die Wanderstrecke heute die schönste des bisherigen Weges.
Die Berge hier sind von einem grünen Teppich aus Wildblütenwiesen und Farnen überzogen. Dazwischen stehen uralte Buchen und knorrige Bergahörner. Die blauen Edeldisteln am Wegesrand sind eine Augenweide, nur muss ich tunlichst darauf achten, ihnen nicht zu nahe zu treten. Sonst pikst es!
Schroffe Felsen ragen aus der grünen Landschaft empor und in ihren Nischen nisten ganze Gänsegeierkolonien. Die riesigen Geier schweben dicht an den Felswänden vorbei, und ihr Schatten tanzt über die unebene Oberfläche der Felswände. Andere große Wildtiere sind mir noch nicht begegnet, dafür aber ganz viele Kleintiere. Nur heute habe ich schon mindestens zehn unterschiedliche Bienen und Hummelarten gesehen, und das sind nur die, die ich vom Aussehen her sicher unterscheiden kann.
Meine Schultern und Hüften gewöhnen sich langsam an die Tragegurte des Rucksacks. Es fühlt sich zwar immer noch so an, als hätte ich blaue Flecken, aber wenigstens scheuert es nicht. Außerdem ist es im Vergleich zu gestern nicht schlimmer geworden. Von den knapp 2000 m Abstieg, die ich gestern zu bewältigen hatte, habe ich ein leichtes Muskelkater in den Oberschenkeln, mehr aber auch nicht, so dass das Gehen heute rund läuft.
Eigentlich ist das Wandern und Radfahren nicht so unterschiedlich. Wenn die Kontaktstellen zwischen Mensch und Rucksack beziehungsweise Fahrrad bequem sind, dann macht es Spaß. Wenn sie Schmerzen, weil es reibt oder die Haut entzündet ist, dann wird jeder Kilometer zur Hölle.
Unterschiedlich ist natürlich, dass ich beim Radfahren ausruhen kann, während ich mich bewege. Beim Wandern muss ich mich sowohl beim Bergauf- als auch Bergabgehen anstrengen. Gemessen an meinem Appetit, muss das Radfahren allerdings körperlich anstrengender sein. So esse ich auch als Wanderer viel, aber auf die gleiche Menge an Kalorien wie auf dem Rad muss ich nicht kommen. Ich werde beim Gehen nicht ganz so schnell hungrig. Trotzdem ist es mir ein Rätsel, wie manche Menschen Essen für eine ganze Woche mitschleppen können. Da wäre ja mein ganzer Rucksack bis oben nur mit Essen vollgepackt!

