04. bis 06. Juni
Die Fährfahrt zwischen Kreta und Rhodos dauert zehn Stunden und kostet 25 €. Am Hafen von Rhodos erfragen Jakob und ich den Preis für die Fähre in die Türkei. Die 90-minütige Überfahrt wird uns 60 € kosten. Pro Person.
Da müssen wir erst einmal schlucken. Doch sich zu beklagen hilft nichts: Wenn wir in die Türkei wollen, müssen wir diesen Preis zahlen.
Zunächst wollen wir aber zwei Tage auf Rhodos verbringen. Vom Hafen radeln wir direkt in die Altstadt und drehen dort eine Schleife. Wir treffen eine Touristenführerin, die mit einem schottischen Pärchen unterwegs ist.
„Wie findet ihr Rhodos?“, fragt sie uns.
„Sehr schön“, loben wir die Altstadt. Die Architektur ist beeindruckend, und überlaufen wirkt die Stadt im Moment auch nicht.

Die Touristenführerin stimmt zu.
„Für Touristen ist Rhodos eine wunderschöne Stadt, Griechenland ein traumhaftes Land“, sagt sie. „Aber zum Arbeiten ist es hier sehr schlecht. Wir haben die Sonne und den Strand. Aber ihr habt die Wirtschaft und die Arbeitsplätze.“
Die Touristenführerin macht eine nachdenkliche Miene. Das englische Pärchen lauscht bedächtig. Es scheint sie nicht zu stören, dass ihre Stadtführerin auf einmal ein Gespräch mit zwei Radreisenden begonnen hat.
„Ein griechischer Lohn liegt bei 800 bis 1.000 €“, sagt die Touristenführerin. „Doch auf Rhodos liegt die Miete für eine kleine Wohnung bei 500 bis 600 €.“
„Was bleibt einem da am Monatsende übrig?“, fragt die Touristenführerin. „Du kannst nur etwas sparen, wenn du weiter bei deinen Eltern wohnst.“
„Was ist das Ziel eurer Reise?“, fragt sie uns.
„Georgien“, sagt Jakob. „Und dann werde ich schauen, wie ich weiterfahre.“
Ich sage, dass ich nach Südafrika unterwegs bin. Die Augen der Stadtführerin leuchten auf.
„Ich wurde dort geboren“, sagt sie. „Aber ich kann mich nicht daran erinnern. Ich war sehr klein, als wir nach Rhodos gezogen sind. Ich würde mir Südafrika gerne einmal anschauen. Vielleicht reicht irgendwann das Geld.“
Die Touristenführerin wünscht uns viel Glück für unsere Reise, dann verabschieden wir uns. Jakob und ich fahren einige Kilometer auf einer Bundesstraße aus Rhodos hinaus. Irgendwann finden wir einen ruhigen Strand. Jedenfalls denken wir das. Gerade ist die Sonne untergegangen, da geht auf der anderen Seite der Bucht die Party los.
Eine türkische Hochzeit!
Die lassen es krachen. Bunte Lichter strahlen zwei hohe Palmen an. Partymusik schallt über die Bucht. Bis in die frühen Morgenstunden hinein wird gefeiert und getanzt.
Beim Abendessen erzählt mir Jakob, dass er nach seinem Realschulabschluss eine Ausbildung zum Industriemechaniker machte. Das Büro sei ihm zu langweilig gewesen, erzählt er, also ging er in den Außendienst. Kundenbesuche, ein Leben in Bewegung, aber auch lange Arbeitstage. Das Geld sei wegen der Spesen ausgezeichnet gewesen, meint Jakob. Doch auf Dauer in diesem Job zu bleiben, war für ihn keine Option.
„Ich wollte mehr sehen“, erzählt Jakob. „Ich möchte meinem Leben eine neue Richtung geben. Neue Eindrücke sammeln.“
„Ich könnte mir gut vorstellen, auf einem Hof zu leben und eigenes Obst und Gemüse anzubauen“, sagt Jakob.
Gutes Essen, Selbstversorgung. Aber im Münchner Umland, wo er herkomme, müsste er zwanzig Jahre im Außendienst schuften und sparsam wie ein Mönch leben, um sich einen Hof leisten zu können.
Am nächsten Tag verlassen Jakob und ich die von Hotelburgen dominierte Ostküste von Rhodos und fahren ins Innere der Insel. Wir möchten auf den höchsten Berg von Rhodos hinauffahren. Der Attaviros bietet mit seinen 1.215 Metern einen Rundumblick über die Insel.
Die Westhänge der Berge auf Rhodos sind mit dichten Nadelwäldern bedeckt. Es ist eine wunderschöne Landschaft zum Radfahren, und die Straßen sind kaum befahren.

Wir zelten auf etwa 600 Metern Höhe. Als Abendessen gibt es einen Linseneintopf und einen leckeren griechischen Salat. Bis jetzt habe ich mit meinen Mitreisenden immer riesiges Glück gehabt. Allesamt waren sie begeisterte Köche. Nie hat das Essen auf Reisen besser geschmeckt.
Ich bin, wenn ich alleine reise, meistens einfach zu faul, um aufwendige Gerichte zuzubereiten. Mein Essen schmeckt gut, aber es sind einfache Gerichte. Alles lässt sich mit nur einem Topf zubereiten. Doch zu zweit haben wir zwei Kocher und zwei Töpfe: ein Hoch auf die Kochkunst! Wir lassen es uns schmecken.

Am nächsten Tag lassen wir die schweren Taschen am Zeltplatz liegen. Ohne Ballast stehen Jakob und ich nach anderthalb Stunden auf dem Gipfel des Attaviros. Wir schauen hinaus auf das tiefblaue Meer und beobachten die Falken, die im Tiefflug über den mit Kalksteinbrocken übersäten Berggipfel segeln.

Wir stürzen uns in die Abfahrt. Wir sind schon fast unten angekommen, als Jakob bemerkt, dass sein Beutel mit Notfallallergiemitteln aus der Halterung gefallen ist. Also drehen wir um und fahren den Berg ein zweites Mal hinauf. Zum Glück entdecken wir nach nur einem Kilometer den Beutel auf der Schotterpiste. Alles ist intakt geblieben.
Glücklich, dass wir nicht noch einmal den ganzen kräftezehrenden Anstieg zurücklegen mussten, fahren wir die Serpentinen hinunter an die Westküste von Rhodos. Wir machen eine ausgedehnte Mittagspause in einem Restaurant am Meer und suchen uns, wie schon am ersten Tag, einen Schlafplatz am Strand.
Ganz in der Nähe befindet sich der Flughafen von Rhodos. Die Flugzeuge starten abends im Zehn-Minuten-Takt und fliegen direkt über unsere Zelte hinweg. Ein Pick-up fährt über den steinigen Strand an unseren Zelten vorbei. Der Fahrer sieht uns und grüßt. Zwei Radfahrer, die am Strand zelten, stören hier niemanden.
Wir stellen den Wecker auf 5:15 Uhr, denn morgen früh müssen wir 25 Kilometer zum Hafen radeln. Dort werden wir um 9:00 Uhr die Fähre nach Marmaris nehmen.
Wir sind beide aufgeregt und voller Vorfreude auf die Türkei.
Jakob wirkt gleichzeitig ein wenig melancholisch.
„Dann bin ich in einem anderen Land als meine Freundin“, kommentiert Jakob die bevorstehende Überfahrt.
„Vielleicht kann deine Freundin ja in die Türkei nachkommen“, sage ich.
„Ich weiß nicht“, sagt Jakob. „Ich glaube, sie hat erst einmal genug vom Radreisen. Vielleicht wird sie von Kreta wieder nach Deutschland zurückkehren.
Ich aber werde weiter nach Georgien radeln. Dort besucht mich im August meine Familie. Und dann … Der Winter im Osten, in Kasachstan, ist hart. Die Pässe sind alle zugeschneit. Ich weiß noch nicht, was ich dann mache. Vielleicht gehe ich über den Winter wieder nach Deutschland. Ich habe dort einen alten Reisebus, den ich ausbauen möchte. Aber das sind nur Gedanken.“

