Vierter Wandertag
Entrialgos – La Marea, 30Km
Der Tag fängt früh an, mein Wecker klingelt um 5:30 Uhr. Ich schaue raus – noch alles dunkel. Sonnenaufgang ist erst um Viertel vor Sieben. Also lege ich mich nochmal eine halbe Stunde schlafen. Dann stehe ich wirklich auf, koche mein Frühstück, schnüre die Wanderschuhe an (die diesen Namen nicht verdient haben, denn es handelt sich einfach um ein bequemes Paar Joggingschuhe) und laufe los. Gleich zu Beginn wartet ein saftiger Anstieg. Nach etwa 1 km gönnt mir das Gespräch mit einem älteren Herren eine Pause.
„Ich heiße José Antonio Cortez. Ich bin ein Nachfahre von Hernán Cortés, dem Conquistadoren“, sagt er mir stolz. „Hier, ich zeige dir was“, winkt er mich zu sich. „Das ist meine Finca. Also, eigentlich ist es die Finca von meinem Sohn. Naja, eigentlich auch nicht, es ist die Finca von seiner Frau, nein, seiner Freundin, aus Madrid. Ich habe drei Söhne. Einer davon wohnt in Madrid. Sie kommen am Wochenende hierher, Sie haben dann Tränen in den Augen, so schön ist es. Die Luft hier ist rein, nicht verschmutzt, wie in Madrid.“
José schwärmt von Asturien.
„Ich komme eigentlich aus der Extremadura, im Süden des Landes, and der Grenze zu Portugal“, sagt er mir.
„Und was hat dich hierher gebracht?“, frage ich.
„Die Arbeit“, sagt José. „In der Extremadura gibt es keine Arbeit. Mein Vater ist hierhergekommen, um in den Minen zu arbeiten.“
Asturien ist ein bedeutendes Bergbaugebiet für Kohle, Eisenerz und und Schiefer.
„Ich habe auch unter Tage gearbeitet. Aber das ist vorbei. Jetzt passe ich auf die Finca auf.“
José zeigt auf ein quadratisches Holzgebäude, das auf vier Stelzen steht.
„Das ist mein Horreo, der Getreidespeicher. Da kommt die Ernte rein und das Ungeziefer bleibt draußen. Schön, nicht wahr!“, ruft er enthusiastisch. „Hoffentlich verziehen sich später die Wolken, dann kannst du die Berge sehen. Es ist ein Traum!“
José erklärt mir noch eine Viertelstunde, welche tollen Wege ich hier alle gehen kann. Ich bemerke, dass er mir noch den ganzen Tag Vorschläge machen wird, und ich am Ende keinen Kilometer zurückgelegt habe. Also verabschiede ich mich höflich und klettere weiter den Berg (namens Peña Mea) hoch.
Oben am Peña Mea sehe ich dann etwas sehr Überraschendes: ein Auto mit holländischen Kennzeichen. Ich frage das Ehepaar im Auto, was sie nach Asturien führt.
„Wir lieben abgelegene Gebiete“, meinen die beiden. „Hier kann man wirklich allem, was auf der Welt abgeht, entkommen.“
Wir unterhalten uns nett auf Niederländisch, und es zeigt sich wieder einmal, dass auch eine Sprache, die nur 17 Millionen Menschen sprechen, keine Sprache ist, die man umsonst gelernt hat.
Die Kilometer purzeln und um 14:00 Uhr habe ich schon 20 Kilometer zurückgelegt. Im Schatten einer alten Eiche mache ich eine kurze Pause, esse einige Müsliriegel, und schaue den Lichtflecken zu, die mit jedem Windstoß auf dem moosigen Baumstamm umhertanzen. Der Himmel über mir erstrahlt in makellosem blau und ich fühle mich, als wäre ich der einzige Mensch auf Erden.
Abends laufe ich durch ein enges Tal, dass keine Ebene Fläche für mein Zelt bietet. Nach 30 km, und einmal mehr über 1000 Höhenmetern möchte ich nur noch eines: mein Abendessen kochen, und meine Beine ausruhen. Endlich sehe ich eine kleine, zerfallene Kapelle. Dort stelle ich nach einem Topf mit Nudeln und Sardinen mein Zelt unter dem Vordach auf und schlafe mit einem Lächeln auf den Lippen ein.

