- Wandertag
Santalla d‘Oscos – Taramundi (Berg) (24 Km)
Als ich morgens aus meinem Zelt steige, sehe ich, dass noch drei andere Zelte neben meinem Zelt stehen. Nachdem ich mich schlafen gelegt hatte, waren noch drei Radreisende aus dem Baskenland angekommen. Sie frühstücken gerade und lachen über die betrunkenen Spanier, die nachts unsere Schlafstätte heimgesucht haben.
„Als einer von denen gesagt hat, dass er eines von den Fahrrädern klauen will, da habe ich schon mein Taschenmesser gezückt und war bereit, bis zum Tod zu kämpfen“, scherzt einer von den Basken.
„Und der Typ, der so rum gebrüllt hat…“, sagt einer der anderen. „Der meinte, man solle doch bitte seinen Pimmel in Ruhe lassen, der ist in dem kalten Wasser so klein!“ Wir lachen alle. Betrunkene Menschen reden schon einen Blödsinn.
Die Basken fahren heute in Richtung Oviedo, ich hingegen mache mich auf den Weg nach Taramundi.
Die ersten Kilometer führen mich durch ein entlegenes Tal, zwischen uralten Kastanienbäumen hindurch. Immer wieder fallen mir kreisrunde Strukturen auf, mit Mauern aus Schiefersteinen.
Das sind die sogenannten Corripas.
Hier wurden im September und Oktober, zur Zeit der Kastanienernte, die Kastanien gesammelt und gelagert. Nach etwa zwei Monaten Lagerung sind die trockenen Schalen aufgeplatzt und die Kastanien konnten ohne stachelige Gegenwehr herausgeholt und gegessen werden.
Die Schlucht, durch die ich laufe, heißt Tal des Verbannten. Der Legende nach lebte in der Gegend ein verarmter Adeliger zusammen mit seinem Knecht. Eines Tages vergaß der Adelige bei einem Jagdausflug die Messe und wusste, dass er zu spät erscheinen würde. Er bat seinen Knecht, schnell ins Dorf zu rennen, um dem Priester zu sagen, dass er mit der Messe warten solle, bis der Adelige eintraf. Doch der Priester schlug die Bitte in den Wind und begann pünktlich mit der Messe.
Als der Adelige eintraf, strömten die Gläubigen bereits aus der Kirche. Der Adelige war entzürnt. Um seine Ehre zu retten, befahl er seinem Knecht, den Priester umzubringen. Wenn nicht, würde er den Knecht umbringen. Der Knecht sah sich gezwungen und ermordete in der darauffolgenden Nacht den Priester. Doch am nächsten Morgen zeigte ihn sein eigener Herr an. Der Knecht wurde zum Tode verurteilt – ihn erwartete der Tod am Galgen.
Nun war der Umstand so, dass in dem Dorf fast alle dem Adel angehörten, obwohl sie kein Geld hatten. Es kam der Tag der Hinrichtung und der Galgen musste errichtet werden. Doch da Mitglieder des Adels nicht als Henker auftreten durften, war in dem Dorf niemand, der die Hinrichtung vollstrecken konnte. Zähneknirschend entschied man sich, das Urteil umzuwandeln in eine lebenslange Verbannung.
Der ausgestoßene Knecht lebte bis ans Ende seiner Tage zurückgezogen als Einsiedler inmitten der uralten Kastanien im Tal, das seitdem Tal des Verbannten heißt.
15:00 Nachmittags
In etwa 30 km Entfernung zu der Küste tritt ein plötzlicher Wandel der Vegetation ein. Die Berge sind nun mit Eukalyptusbäumen bewachsen. Mein schmaler Fußpfad folgt einem plätschernden Bach. Ich erreiche ein kleines Dorf mit wunderschönen, gepflegten Gärten und gut restaurierten Häusern, die alle die für die Gegend typischen Schieferdächer haben. Der Schiefer glänzt in der Sonne und die blauen Hortensien in den Gärten leuchten.
In dem Dorf gibt es ein Restaurant, das auch sehr gut besucht ist. Ich setze mich hin und bestelle eine Spezialität der Region, Cachopo. Man kann sich ein Cachopo vorstellen wie ein Cordon Bleu. Zwei Lappen Kalbfleisch, dazwischen Schinken und Käse.
Als mein Teller kommt, muss ich einen Kommentar unterdrücken. Fast hätte ich gesagt: Das sind ja Portionen wie in Amerika!
Es liegt bestimmt ein Kilo Fleisch auf meinem Teller, der auch gleich doppelt so groß ist, wie ein normaler Speiseteller. “
Guten Appetit!, wünscht mir der Kellner und schaut mich mit einem Blick an, der skeptisch schaut, ob ich schlanker Kerl denn so einen Riesen Klotz Fleisch hinunterbekomme.
Ich löse die Spannung direkt auf, natürlich ist es mir gelungen! Aber ich kann euch sagen: Für den Rest des Tages habe ich keine weitere Mahlzeit gebraucht.
Beim Essen habe ich genügend Zeit, die anderen Tische zu beobachten. Und da der Spanier selten alleine essen geht, bemerke ich natürlich auch schnell, warum meine Portion so riesengroß ist. Für gewöhnlich teilen sich zwei oder gar eine ganze Familie einen Teller wie denjenigen, den ich gerade vor mir sitzen habe.
An dem Essen habe ich nichts auszusetzen, aber da so einige Völker auf die Idee gekommen sind, eine ähnliche Speise zuzubereiten (die für mich vollkommen verrückt ist: wie kommt man bitteschön auf die Idee, zwischen zwei Stücke Fleisch ein weiteres Stück Fleisch zu legen und dies alles mit Käse zu verbinden?!) Ich werde in Zukunft wohl doch lieber bei dem asturianischen Bohneneintopf bleiben, der sogenannten Fabada.
Taramundi ist für meinen Geschmack ein bisschen zu touristisch: Überall Geschäfte, die die Klassiker eines mittelalterlichen Dorfes verkaufen, wie Pfeil und Bogen, Holzspielzeuge und alle möglichen anderen Souvenirs. Außerdem lässt sich in dem ganzen Dorf keine Packung Haferflocken auftreiben, weshalb ich much wohl zum dritten Tag infolge mit einem Frühstück aus Keksen begnügen muss…
Ich wandere auf einen Berg hinter Taramundi und baue auf einer moosigen Wiese in einem Pinienwald mein Zelt auf. Die Bäume verschwinden im Nebel und die Wildpferde, die zwischen den Pinien umherstreifen, nehme ich nur als Schattengestalten war.
Ein neugieriger Hengst bewertet mich aus der Ferne. Keine Gefahr, urteilt er, und scheuert sich ausgiebig an der Rinde eines Pinienstammes. Auf dem Berg ist es still
und friedlich. So ein weiches Bett habe ich außerdem schon lange nicht mehr gehabt. Das Moos unter meinem Zelt ist wie eine weiche Schaumstoffmatratze, auf der ich bestimmt wunderbar schlafen werde.

