Den Römern auf der Spur

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Achtzehnter Wandertag.
Villamayor – Belmonte (32 Km)

Nun bin ich auf einer alten Römerstraße unterwegs, die lange bis ins 19. Jahrhundert hinein einer der einzigen Wege durch das Kantabrische Gebirge war. Schon vor den Römern nutzen wohl neolithische Hirten diese Pfade, um das Gebirge zu durchqueren. Zwischen 1300 und 1900 Metern Höhe schlängelt sich der Pfad durch das wildeste Gebirge im Norden Spaniens.

Gestern hatten sich leider Ameisen in mein Müsli hineingeschlichen, sodass ich auf die geniale Idee kam, die Haferflocken in einen Topf zu tun und zu erhitzen. „Die Ameisen werden vor der Hitze fliehen“, dachte ich. Leider ist nichts dergleichen passiert. Die Ameisen unten im Topf sind angebrannt, mitsamt der Haferflocken, und die anderen Ameisen flüchteten sich einfach in höhere Schichten des Müslis.

Nun ist mein Müsli weder ameisenfrei, noch schmeckt es besonders gut. Geräucherte Haferflocken, mit frittierten Ameisen, ja, das ist sogar für mich gewöhnungsbedürftig.

Ein eben solches Müsli habe ich mir also heute Morgen zubereitet, mit bescheidenem Geschmackserlebnis, aber die Kalorien stimmen und so kann es losgehen. Das Wetter: Wolken und Sonnenschein im Wechsel. Zwischen mit Flechten behangenen Eichenbäumen klettere ich den ersten Berg des Tages hinauf. Ich merke, wie die Höhenmeter steigen, denn die Bäume wirken kleiner und gedrungener.

Die Sonne geht so weit im Westen spät auf, doch um 8:00 Uhr sind die Hirten auch schon unterwegs und kontrollieren auf dem Berg, ob ihre Kühe und Pferde die Nacht heil überstanden haben. Die Jungtiere sind besonders gefährdet durch Wolfsangriffe. In der Dämmerung lauert die größte Gefahr, denn zu dieser Zeit sind noch keine Hirten unterwegs – aber der treueste Beschützer der Tiere ist sowieso der Pyrenäenhund. Er begleitet seine Schützlinge, bellt nachts, wenn Gefahr lauert, und ist größer als jeder Wolf.

Hatte ich nachts in meinem Zelt Angst? Nein, denn ich wusste, der Hirtenhund hält jeden Feind fern. Wölfe bellen nicht, und so wusste ich immer, das es der Hund war, der in der Nähe wache hielt.

Nicht jedes Tier hatte so viel Glück. Gegen Mittag treffe ich einen Bauern, der mir erzählt, dass er dieses Jahr schon zwei Fohlen und ein Kalb verloren hat.

Auf einer Hochalm tummeln sich hunderte Pferde und Rinder. Am Rande der großen, ebenen Fläche finde ich die Überreste eines jungen Kalbs, das die Wölfe in der Nacht zuvor erlegt haben. Nur noch das Skelett und die Hufen bleiben über. Der Boden ist von Geierfedern bedeckt. Die Müllabfuhr der Natur war auch schon vor Ort.

Einige Kilometer weiter, stoße ich auf etwas anderes interessantes. Eine Ausgrabung. Ein Team von Archäologen der Universität Oviedo ist dabei, eine alte Kapelle auszuheben. Aus dem 13. Jahrhundert sei das Bauwerk, erzählt mir einer der Archäologen, Pablo. Unter dem Boden der Kapelle haben die Archäologinen menschliche Skelette entdeckt, von denen gerade zwei freigelegt werden. Ich darf sogar einen der Knochen halten: der Knochen ist viel leichter, als ich es gedacht hätte.

„Die Knochen werden wir später analysieren, um festzustellen, welche Krankheiten dieser Mensch hatte, wie alt er ist, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt und woran er vielleicht gestorben ist“, erzählt mir Pablo.
„Doch das eigentlich Spannende“, führt Pablo fort, „ist nicht die Frage nach dem Was, sondern die Frage nach dem Warum. Warum wurden diese Menschen hier begraben?“

Das Geschlecht können mir die Archäologen auch schon jetzt sagen: der Hüftknochen ist bei der Frau anders geformt als beim Mann, und das Verhältnis von Oberschenkelknochen zu Oberarmknochen ist bei Mann und Frau mit großer Zuverlässigkeit unterschiedlich.

Ich laufe noch 10 Kilometer weiter auf der alten Römerstraße, die den Namen Camino Real de la Mesa trägt. Der Bauer, mit dem ich am Morgen gesprochen hatte, hatte mir erzählt, dass die Straße vor einigen Jahrzehnten noch fast perfekt gepflastert und intakt war. Doch in den letzten Jahren sei zu viel Vieh darüber gelaufen und so sind die Pflastersteine überall verteilt und die Straße ist in einem schlechten Zustand. Ich muss aufpassen, nicht umzuknicken. Immerhin kann ich mir den Bauch mit den Heidelbeeren vollschlagen, die überall am Wegesrand wachsen.

Mit einem Bauch voller Heidelbeeren erreiche ich abends dann den Ort Belmonte, in dessen Nähe ich hinter einem verlassenen Bauernhof mein Zelt aufschlage.

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