Ich steige in Campomanes, einem kleinen Dorf, aus meinem Zug. Nicht nur in Deutschland hat die Bahn Verspätung. Auch in Asturien kommt mein Zug erst mit etwa einer Dreiviertelstunde Verspätung an. Doch Wanderer haben Zeit: die Verspätung macht mir nichts aus und so beginne ich den ersten Abschnitt vom GR-109 um 14:30 Uhr.
Es geht von Beginn an bergauf – und wie. 1300 Höhenmeter muss ich überwinden, dann stehe ich auf einem 1600 Meter hohen Gipfel, auf dem sich schon die Römer und die asturianischen Stämme bekriegten. Oben zeugen einige Steinbrocken von den nunmehr über 2000 Jahre alten Befestigungsanlagen – dem Limes nicht ganz unähnlich.
Ich bin knapp 5 Stunden unterwegs und mein ständiger Begleiter ist das Läuten der Kuhglocken. Doch nicht nur die Kühe haben hier Glocken am Hals – auch die Pferde. Ist das auch in Deutschland so? Mir ist es nie aufgefallen.
Ab 1000 Metern Höhe weicht der Mischwald aus Buchen, Eschen, Edelkastanien und Eichen einer Heidelandschaft. Die Luft summt vor Insekten. Schwarz-weiße Schmetterlinge segeln von Blume zu Blume und ich habe das Gefühl, auf einer Bienenautobahn unterwegs zu sein. Ich muss achtgeben, dass mir auf den steilen Stücken, bei denen ich durch den Mund atme, keine Biene hinein fliegt.
Mein Weg führt mich ausschließlich auf Schotterstrecken und Almwiesen – kein nerviger Teer. Dieser Teil von Asturien ist ein Wanderparadies.
Oben am Himmel schweben zwei Gänsegeier. Von der anderen Seite des Gipfels, dem ich immer näher komme, weht der Wind eine Nebelschicht hinab. Wie zwei Flugzeuge segeln die Gänsegeier unbeirrt in den Nebel, ein Augenblick lang sehe ich noch ihre Silhouetten, dann sind sie verschwunden. Ich frage mich, wie sich ein Geier in so dichten Nebel orientiert? Sind die Geier gelandet?
Am Gipfel bei den Römerruinen schlage ich mein Nachtlager auf. Ich koche mir einen Topf Nudeln, die ich mit Pimentos de Piquillo esse, eingelegten roten Paprikaschoten. Lecker schmeckt es!
Erst gegen 22:00 Uhr wird es dunkel. Zunächst bin ich überrascht, denn Asturien liegt ja deutlich weiter südlich als Deutschland, und so müsste es früher dunkel sein. Doch dann fällt mir ein, dass ich auch wesentlich weiter westlich bin, und somit die Sonne wiederum später untergeht.
Mit der Dunkelheit wird die Nebelsuppe immer dichter. Der Wind wirbelt Fetzen vom Nebel wie Stofftücher durch die Luft. Die Nebelschwaden scheinen sich förmlich um die Heidekräuter zu wickeln, sie verdichten sich zu Geisterfiguren und lösen sich mit dem nächsten Windhauch wieder auf. Eine halbe Stunde beobachte ich das Schauspiel, während aus der Ferne unsichtbare Kühe muhen und einige besonders ausdauernde Singvögel noch ein letztes Lied anstimmen. Dann kehre ich zu meinem Zelt zurück, breite meine Isomatte aus, rolle mich in meinen Schlafsack und schlafe augenblicklich ein.

