Ein anderer Wanderer

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Zwanzigster Wandertag
Berg über Tuña – Santiano de Porley (30-32Km)

Puh, es war wieder ein langer und anstrengender Wandertag. Viele Höhenmeter, steile und steinige Wege. Unten im Tal laufe ich zwischen uralten Kastanienwäldern hindurch. Weiter oben stehen nur noch Pinien, und darüber eine Heidelandschaft. Brezo heißt das hier.

Im kleinen Dorf Tuña spaziere ich an herrschaftlichen Palästen vorbei. An einem weißgeputzten Haus fällt mir eine Inschrift auf. Hier wurde General Rafael del Riego Florez geboren, der im Jahr 1820 eine liberale spanische Verfassung ausrief, und dafür am 7. November 1823 in Madrid mit dem Leben bezahlte.

General Riego hat nach seinem Tod wahren Legendenstatus bekommen – sogar in den USA wurde ein Schauspielstück über ihn aufgeführt. Die Verfassung, die er ausrief, wurde später zum Vorbild der Verfassung der zweiten Spanischen Republik, die im Spanischen Bürgerkrieg 1936-39 stürzte und durch das Franco Regime ersetzt wurde.

Hinter Tuña kommen nur noch Wälder und kleine Weiler. Doch plötzlich, ich halte es nicht für möglich, kommt mir ein anderer Wanderer entgegen.

Am Rucksack befestigt sehe ich eine ISO Matte, und dieses kleine Detail verrät mir, dass dieser Mann mehr als eine Tagestour unternimmt. Er kommt mir freudestrahlend entgegen und bereitet die Arme aus: „Ein anderer Wanderer! Welchen Weg machst du denn?“, ruft er.
„Ich bin auf dem GR 109 unterwegs“, sage ich.
„Ach was, ich auch!“, ruft der Wanderer, der in bestem amerikanischen Englisch spricht.

„Wo kommst du her?“, fragt er mich.
„Aus Deutschland.“
„Ich bin aus Baltimore.“
„Ach, wie schön, da war ich gerade erst in der Nähe, in Washington, D.C.“
„Du bist der einzige Wanderer, der mir bis jetzt auf dem ganzen Wanderweg begegnet ist“, sagt der Amerikaner.
„Ja, du auch“, erwidere ich.
„Machst du denn den ganzen Wanderweg?“, frage ich.
„Ja“, sagt der Amerikaner. „Ich bin von Campomanes nach Panes gelaufen, zusammen mit meiner Frau. Und jetzt mache ich die zweite Hälfte allein“, sagt der Amerikaner.
„Wie alt bist du?“, fragt er mich.
„24. Und du?“
„61“, sagt der Mann.
„Du siehst aber fit aus“, mache ich ihm ein Kompliment.
Der Mann lächelt: „Ich gebe mein Bestes. Vor einigen Tagen bin ich 100 km in 24 Stunden gelaufen. Da war ich noch auf dem Weg nach Santiago, die letzten 100 km wollte ich unbedingt in einem Rutsch schaffen. Ich kann dir sagen, als ich angekommen bin, lag ich auf der Gasse und hab nur noch geheult. Es war so ein emotionaler Moment.“

Nicht schlecht…vielleicht muss ich 61 werden, um auf diese Idee zu kommen. Am nächsten Tag nach seinem 100 Km Marsch ist der Amerikaner gleich weitergewandert.
„Erst 72 Stunden später habe ich richtig gespürt, was ich da gemacht habe“, sagt er.

Leider habe ich vergessen, den Amerikaner nach seinem Namen zu fragen. Aber ich habe noch vor Augen, wie der Mann mir strahlend verkündete, dass unsere Begegnung seinen ganzen Tag aufgehellt hat. „Man“, sagte er. „You made my day!“

In der Tat, ein fünfminütiges Gespräch kann einen ganzen Tag aufhellen!

Vielleicht treffe ich den Amerikaner ja nochmal in Spanien. Er kommt jedes Jahr für sechs Wochen zum Wandern hierher, ist alle Jakobswege gelaufen, hat die Pyrenäen mehrfach der Länge nach durchquert.

Neben dieser Begegnung, gibt es vom heutigen Tag gar nicht viel zu berichten. Die Sekunden verstrichen im Takt meiner Stöcke, die Stunden im Takt meiner Pausen zum Essen und Trinken. Das dominante Gefühl an diesem und auch den meisten anderen Tagen der Wanderung ist ein ganz einfaches: ein Gefühl des Glücks und Staunens darüber, wie schön diese Welt ist. Und heute versüßt durch die Überraschung, einen anderen Wanderer getroffen zu haben!

Damit verabschiede ich mich – bis morgen in neuer Wanderfrische!

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