Zwölfter Wandertag
Cobréces – Oruña
Ihr kennt es bestimmt auch: man läuft und läuft und läuft, immer nur ein Schritt vor dem anderen und am Ende stellt man ganz erstaunt fest, dass man 35 km gelaufen ist.
So ging es mir heute. Die Landschaft auf der heutigen Etappe war leicht wellig, ein Gemisch aus trockenen Eukalyptuswäldern und gelben Feldern. Der Blick aufs Meer fehlte und die meisten Ortschaften, mit Ausnahme des mittelalterlichen Santana del Mar, waren heruntergekommene Arbeitersiedlungen.
Gut 10 Kilometer musste ich neben einer Bundesstraße durch ein schier endloses Gewerbegebiet laufen, bis mich der Camino endlich auf einen kleinen Feldweg führte, der mich an einer Feriensiedlung vorbei zu einem Fluss leitete. Dort kochte ich auf einer grauen Betonbank bei ständigem Nieselregen mein Abendessen und stellte mein Zelt unter einem Ahornbaum auf.
Schon am selben Abend hatte ich an den größten Teil des Tages kaum noch Erinnerungen. Ich war so verträumt durch die Gegend gelaufen, nur im Rhythmus meiner Schritte, dass ich kaum etwas um mich herum wahrgenommen hatte. Vielleicht ist diese innere Einkehr das, was der Camino bewirken soll. Ein tranceartiger Zustand, bei dem die Kilometer und die Zeit ohne Anstrengung und Müdigkeit dahinfließen.
Es gab keine Wurzeln und Gesteinsbrocken, an denen ich mein Sprunggelenk verdrehen konnte. Kein spektakuläres Bergpanorama. Keine erdrückende Hitze. Und auch keine Berge, die den Puls auf 180 trieben. Der Weg war glatt gespült wie ein Kieselstein und auch meinen Gedanken fehlte jede interessante Form. So war ich heute nicht mehr als ein Gehender auf dem Camino, dessen gesamte Existenz auf den nächsten Schritt zusammengeschrumpft war.

