Ein früher Morgen und schweigende Beobachter

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Tag 3 (zweiter Wandertag)
Picu Curriellos – Cabanaquinta (ca. 30Km)

Ich werde gegen 5:00 Uhr morgens wach: es ist kalt! Schon beim Schlafengehen habe ich mir alle meine Klamotten übergestreift. Jetzt ziehe ich mir auch noch die Regenhose und die Regenjacke an.

Ich öffne den Reißverschluss an meinem Zelt und schaue hinaus. Im Osten wird es über den Bergspitzen schon hell. Der Himmel verfärbt sich ein blasses Rosa. Im Tal hängen die Wolken fest. Auf der gegenüberliegenden Talseite schauen die Spitzen der 2400 Meter hohen Sierra Cantabrica aus den Wolken. Über den Gipfeln im Westen breiten sich noch die Sterne aus, doch mit jedem Moment wird die Milchstraße blasser, der Himmel wird langsam blau und ein neuer Tag beginnt.

Die Konturen der Berge werden schärfer, das Heidekraut, das in der Dämmerung wie eine verwischte Kohlezeichnung aussieht, nimmt Formen an.

Meine tropfende Nasenspitze ruft mich zurück auf den Boden der Tatsachen. Um 5:00 Uhr möchte ich noch nicht frühstücken und loswandern. Ich gehe also wieder zurück zu meinem Zelt, verbuddle mich in meinem Schlafsack, und schlafe noch einmal bis 7:30 Uhr. Dann frühstücke ich ganz gemütlich – Haferflocken, wie immer – und nehme den langen Abstieg in Angriff.

10 Kilometer geht es über losen Schotter und Geröll bergab. Ich muss vorsichtig auftreten, damit ich nicht Wegrutsche. Die Oberschenkel brennen und ich bin froh, die beiden Nordic Walking Stöcke mitgenommen zu haben, die ein bisschen von der Last nehmen können.

Ich fand solche Wanderstöcke immer etwas für Rentner, doch glaube ich, dass sie die besten sechs Euro waren, die ich für diese Reise ausgegeben habe. Sowohl beim Aufstieg als auch beim Abstieg kann ich mit den Stöcken schneller vorankommen und meine Beine können einige Körner sparen. Ihr Gewicht ist minimal, und sollte ich von einem der etwa etwa 300 Bären, die in diesen Bergen leben, angegriffen werden, habe ich sogar eine Waffe, mit der ich mich verteidigen kann!

Mein zweiter Wandertag führt mich durch einige kleine Bergdörfer, deren ältere Bewohner mich schweigend aus ihren Fenstern beäugen. Noch immer sind mir keine anderen Wanderer begegnet.

Die Dächer der Häuser sind aus dicken Schieferplatten gebaut, die übereinander gelegt werden. Die Mauern bestehen aus dem selben Gestein, so dass die Häuser dicht, schwer und gedrungen wirken. Ich kann mir gut vorstellen, wie im Winter, wenn draußen Schnee liegt, die Menschen hier hinter ihren dicken Steinmauern sitzen, in eine Wolldecke gewickelt und sich am Feuer die Hände wärmen.

Das brauche ich heute aber alles nicht. Wenn ich die steilen Berge hochwandere, komme ich ziemlich ins schwitzen. Ein Glück, dass alle paar Kilometer eiskalte Quellen aus dem Schiefergestein sprudeln. Das Wasser ist glasklar und schmeckt einfach lecker. Und da hier keine Schafe auf den Weiden stehen, kann ich das Wasser bedenkenlos trinken (das hat mir jedenfalls auf meiner ersten Radreise eine alte Dame in Frankreich erzählt.)

Mein Nachtlager schlage ich neben einem gurgelnden Bach auf, nahe der für ihren Viehmarkt berühmten Ortschaft Cabanaquinta. Es gibt sogar eine Picnic-Bank mit Tisch, an dem ich kochen kann. Besser kann es mir nicht gehen. Gute Nacht und bis Morgen!

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