Ein Tag auf Kreta

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Morgens im Meer schwimmen, abends auf über 2000 m zelten. Das beschreibt den heutigen Tag ganz gut. Aufgewacht bin ich in dem kleinen Dorf Aradena, das eigentlich gar kein Dorf mehr ist. Nachdem die Osmanen das Dorf zerstört hatten, wurde es nie wieder aufgebaut. Nur wenige der Häuser sind bewohnt, auch das Haus neben der Kapelle, bei der ich zelte. Ein Hirte lebt dort zusammen mit seinem Hirtenhund, der noch ein Welpe ist. Ein sehr neugieriger und aufmerksamkeitssuchender Welpe. Immer wenn es dem alten Hirten zu viel wird, brüllt er den Welpen an. Manchmal setzt er ihn vor das Gartentor. Dann sitzt der Welpe dort und winselt und jault, bis der Hirte schließlich noch einmal laut brüllt und den Welpen wieder zu sich nimmt.

Als ich mich heute Früh auf den Weg zur Aradena-Schlucht mache, sitzt der Welpe mal wieder vor dem Gartentor. Als er mich sieht, jault er freudig auf und versucht, an meinem Bein emporzuklettern. Der Welpe hat ziemlich scharfe Krallen. Jetzt schreie auch ich den Welpen an. Aber er hört genauso wenig auf mich wie auf seinen Besitzer, den Hirten. Ich mache mich auf den Weg zur Schlucht, und der Welpe haftet mir an den Fersen. Als ich das Tor zur Schlucht vor seiner Nase schließe, drückt er sich unter dem Zaun durch. Da wird es mir zu viel. Ich kann diesen Welpen doch nicht sechs Kilometer lang durch die Schlucht mitführen. Also laufe ich noch einmal zurück zum Haus des Hirten. Der scheint gerade fort zu sein. Ich hebe den Welpen hoch und drücke ihn mit dem Hinterteil zuerst zwischen den Stangen des Tores hindurch, bis er auf der anderen Seite vor dem Gartentor sitzt. Der Welpe schaut etwas verwirrt, als er plötzlich wieder auf der anderen Seite des Zauns sitzt. Als ich zum zweiten Mal zur Schlucht gehe, höre ich hinter mir noch einmal das Jaulen des Welpen, dann biege ich um eine Ecke, und mich begleitet nur noch das frühmorgendliche Zwitschern der Vögel.

Die sechs Kilometer zum Meer vergehen wie im Flug. Die über 100 m hohen Steilwände der Schlucht glänzen rötlich in der frühen Morgensonne. Ich laufe mal auf dem Kiesbett, mal über grobe Felsbrocken oder kleine Umwege, die mich um Erdrutsche führen. Nach etwas über eineinhalb Stunden höre ich das Meer. Am Strand angekommen, streife ich mir meine verschwitzten Klamotten vom Leib und springe, so wie ich zur Welt gekommen bin, ins kalte Nass. Ich tauche unter, und als ich wieder auftauche, höre ich Stimmen. Ich schaue mich um – und was sehe ich da? Während ich splitterfasernackt in der klaren Bucht schwimme, sitzen auf einer Terrasse die ersten Kaffeegäste und schauen mich belustigt an. Eine ältere Dame hat sogar das Handy in der Hand und scheint mich zu fotografieren. Ich hoffe, dass ihre Zoomfunktion nicht so gut ist.

Dann kommt auch noch eine französische Wandergruppe aus lauter jungen Frauen an den Strand. Jetzt kann ich doch nicht nackt aus dem Wasser steigen. Doch langsam wird mir etwas kalt. Ich schwimme noch eine Runde, und endlich verschwindet die Wandergruppe.

Auf dem Rückweg durch die Schlucht begegnen mir schon andere Wanderer. Während ich bereits um 7:00 Uhr gestartet bin, sind sie wahrscheinlich erst um neun losgelaufen. Zurück an meinem Zeltplatz/Fahrrad angekommen, packe ich meine Sachen um, ziehe meine Fahrradsandalen an, meinen Helm und meine Handschuhe, und fahre ins nächstgelegene Dorf. Dort besorge ich mir ein Kilo Joghurt und drei Packungen Kekse. Dann biege ich auf eine Schotterpiste ab, den sogenannten Pachnes-Pfad, der mich bis auf 2000 m hinaufführt.

Ich fahre vorbei an uralten Kermeseichen und noch älteren Zypressen. Ich schätze, dass einige der Bäume wahrscheinlich 1000 Jahre alt waren. Bis eine solche Zypresse einen Fingerbreit dicker geworden ist, vergehen über 30 Jahre. Einige der Bäume hatten aber einen Durchmesser von über einem Meter. Teils wirken sie fast wie Bonsai-Bäume: kaum höher als drei Meter, mit knorrigen und verworrenen Ästen, von den stürmischen Winden der Berge verformt. Der Wassermangel und die winterliche Kälte tun ihr Übriges – die Bedingungen sind hart.

Ab 1600 m verschwinden auch die letzten Zypressen, und ich erreiche eine Landschaft, die mich ein wenig an die Atacama erinnert: Vulkangestein, von der Erosion zerfurchte Landschaften und Täler.

Es geht noch höher hinaus. Vereinzelt muss ich mein Fahrrad durch losen Schotter schieben. Endlich, gegen 18:00 Uhr, erreiche ich den Ausgangspunkt des Wanderwegs zum Gipfel des Pachnes. Er ist der zweithöchste Berg auf Kreta, aber nur drei Meter kleiner als der Berg, der als höchster Berg der Insel gilt. Dafür liegt der Berg ziemlich nah am Meer, sodass ich mir morgen bei hoffentlich klarer Sicht einen atemberaubenden Blick über die Küste Kretas verspreche.

Ich koche bei kalten, windigen Bedingungen einen Topf Nudeln und baue danach mühsam mein Zelt auf. Der Wind macht es mir nicht einfach. Nun, gegen 21:30 Uhr, liege ich in meinem Zelt und höre zu, wie der Wind am Zeltstoff reißt und das Rauschen eines Flugzeugs hoch über mir langsam in der Ferne verschwindet.

Ich bin müde. Seit 6:00 Uhr bin ich auf den Beinen. Jetzt habe ich mir meinen Schlaf wohl verdient. Gute Nacht!

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