Eindrücke und Ruhe

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Fünfzehnter Wandertag
Campomanes – Llanuces (25 Km)

Frühs unterhalte ich mich im Hostel mit Linur aus Accra in Ghana, der Schiffsbau studiert.
Er macht gerade drei Semester Auslandsstudium über das Erasmus Programm in Italien und Spanien
Linur trägt ein weißes Balenciaga T-Shirt, ein seidenes schwarzes Piratenkopftuch und hat einen kleinen goldenen Ohrring.

Er hat mal auf einem Containerschiff gearbeitet, erzählt mir Linur, und war in Los Angeles. „Dort ist jeder in seiner eigenen Welt“, sagt er. „Schön, dass die Spanier im Gegensatz so familienorientiert sind und abends noch was los ist, sogar in einer Stadt wie Oviedo.“

Europa gefällt Linur. „Gestern war ich an einem Tag in drei Ländern! Niederlande, Belgien, Frankreich. Jetzt bin ich in Spanien. Alles mit dem Zug“, staunt er.
„In Ghana ist es schwierig, umher zu kommen, die Infrastruktur ist schlecht. Es dauert ewig!“
Und Linur sagt, dass er in Europa endlich kapiert hat, warum es gut ist, in der Schule Sprachen zu lernen. „Wir mussten Französisch lernen, aber keiner hat das in der Schule so ernst genommen.
Hier habe ich zum ersten mal Französisch gebraucht!“
Neben Englisch kann Linur auch noch zwei lokale Sprachen sprechen, was in Ghana nicht unüblich ist.
Das ist deutlich besser als die Australierin, die neben uns frühstückt. „In Australien lernt man keine anderen Sprachen“, sagt sie. „Wir sind so weit von allen anderen Ländern entfernt! Das lohnt sich für uns einfach nicht.“

Als Linur erfährt, dass ich vier Wochen durch Asturien wandere, ist er fassungslos.
„Das bist du gewandert? Im ernst? Aber warum macht man denn sowas?“, fragt er mich.
So Reaktionen kenne ich von meiner Radtour in Südamerika. In vielen anderen Erdteilen ist es für die Menschen unglaublich, ja verrückt, dass man einfach zum Spaß oder aus Freude an der Natur hunderte Kilometer wandert oder monatelang Fahrrad fährt.

Ich zeige Linur ein paar Fotos von der Wanderung und er sagt, das sehe ja alles wunderschön aus. „Vielleicht muss ich das auch mal ausprobieren“, überlegt er und fragt mich, wie genau das denn mit dem Wildzelten funktioniere.

Vor dem Bahnhof von Oviedo esse ich im Café Santa Cristina Carbayones, das typische Gebäck der Stadt.
Der Teig ist mit Mandelmasse gefüllt und eine weiche Zuckerglasur, die nicht dominant süß ist, rundet das Stückchen ab. Sehr lecker!

Kurz darauf sitze ich in der Bummelbahn nach Campomanes. Eine Dreiviertelstunde fährt der Zug durch tief geschnittene Täler an kleinen Dörfern vorbei.

Die ersten 5 km des Wanderwegs sind noch geteert, dann laufe ich den Rest des Tages auf endlosen und wunderschönen Schotterpisten. Langsam windet sich der Weg von 300 auf 1400 m über Meeresspiegel.

Oben angekommen, pinselt die Abendsonne die Berge in den schönsten Farben an, die Sonnenstrahlen fallen
zwischen Lücken in den Wolken wie ein Fächer, so dass der eine Berghang in Schatten getaucht ist und der nächste in goldenem Licht erstrahlt. Wieder einmal staune ich über die Schönheit der Natur, ein Gefühl, das mich sprachlos lässt.

Ich fühle mich hier draußen nicht einsam. Wenn es nach mir ginge, könnte ich mich von diesem Anblick ernähren und ihn tagelang in mich aufsaugen.

Warum wandert jemand hunderte von Kilometern durch entlegene, spärlich besiedelte Landschaften? Warum tut man sich das an? Das ist der Grund.

Durch den Dunst in der Luft sieht die Bergelandschaft aus wie ein Gemälde von Caspar David Friedrich, mystisch, erhaben, wie aus einem Traum.

Abends um neun komme ich in Llanuces an. Dort zelte ich neben der Dorfkapelle. Das Gras neben der Kapelle ist frisch gemäht und die abgeschnittenen Grasstängel bilden einen weich gepolsterten Untergrund für mein Zelt.

Nachdem ich auf den ersten zwei Wanderwochen nur Nudeln gegessen habe, gibt es heute eine kulinarische Abwechslung: ich koche Reis! Der Reis gelingt auch noch ausgezeichnet, so dass ich den Tag nicht zufriedener hätte abschließen können.

Guten Appetit!

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