Eine Zeitreise in die Vergangenheit

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Neunter Wandertag.
Arangas – La Pica de Bostobal (20 Km)

Ich habe unter einem Trompetenbaum gezeltet, direkt neben einem verlassenen und überwucherten Spielplatz. Zwar lag mein Zeltplatz direkt neben einer Straße, doch schützten mich die tief herabhängenden Äste und die großen dichten Blätter des Trompetenbaums vor neugierigen blicken und Autoscheinwerfern. Ohnehin war kaum Verkehr auf der schmalen Passstraße.

Als ich morgens aufstehe, sehe ich zum ersten Mal die Gipfel der Picos de Europa. Die Felsen strahlen hell in der Sonne. Das ist Hochgebirge – bis zu 2650 m hoch.

Ich schau hinauf zu den Gipfeln, die von meinem Standpunkt auf 500 Metern Höhe unglaublich hoch erscheinen. Ich kann es kaum glauben, dass ich in den Anden auf der doppelten Höhe stand.

Am Ende kommt es immer auf die Bezugspunkte an. Wenn die ganze Umgebung um einen herum 4000 Meter hoch ist, und der Berg 5500, dann wirkt er nicht mehr so groß. Hier liegen zwischen mir und den Gipfeln der Picos de Europa über 2000 Meter Höhenunterschied, sie ragen bis in den Himmel.

Es geht los! Wieder einmal muss ich mich durch Dornengestrüpp schlagen und Brennnesseldickichte überwinden. Zum Glück habe ich meine Wanderstöcke, mit denen ich die Pflanzen zur Seite drücken kann. Trotzdem sehen am Ende der Tortur meine Beine aus, als hätte sie jemand mit der Käsereibe bearbeitet.

Mittags setze ich mich in eine Bar. Nicht, um ein Trostbier zu trinken, sondern, weil ich etwas Proviant einkaufen möchte und die Gelegenheit nutze, um eine Mittagsruhe zu machen und dabei noch meine Geräte aufzuladen.

Der Barbetreiber ist ein heiterer alter Herr, der mir sagt, dass er schon über 70 ist. Sein ganzes Leben hat er in dem schönen Dorf namens “Alles” gelebt. „Ich weiß, was das auf Deutsch bedeutet“, sagt er mir mit einem Augenzwinkern.

„In dem Dorf sei das Leben schön“, sagt er mir. Er zeigt an einen eingerahmten Zeitungsartikel, der die Wand am Eingang der Bar schmückt. „Schon im Jahr 1957 hat man über uns geschrieben, wir seien das schönste Dorf in der Region Peñamenera Alta.“ Auf dem Foto in dem alten Presseartikel sind die Gipfel mit Schnee bedeckt. „Das ist seit 20 Jahren alles vorbei“, sagt der Wirt. „Heute gibt es keinen Schnee mehr.“

Der Wirt macht seine Buchhaltung noch ganz klassisch: auf einem Block mit Bleistift. Dort notiert er sich, was die Kunden kaufen, und für welchen Betrag. Hier scheint die Zeit stehengeblieben zu sein.

Die Vermouth-Flaschen im Regal sammeln Staub, und an der Wand hinter der Theke hängen zwei alte Wildschweinköpfe, deren Zähne schon gelb anlaufen. Trotzdem ist die rustikale Bar, wie auch das ganze Dorf, gut gepflegt und wunderschön.

Ich frage den Barbetreiber, ob ich denn von dem regionalen Honig probieren kann. „Ja klar“, sagt er. Er holt ein Glas, steckt ein Löffel hinein, und hält ihn mir hin. Lecker schmeckt der Honig, sehr kräftig, etwas malzig und herb, er ist fast schwarz. „Hier gibt es viel Heidekraut, Kastanien und auch Eichen, daher kommt die Farbe“, erklärt der Kneipenwirt.

Gegen 15:30 Uhr wandere ich wieder weiter, bis hoch auf einen nahegelegenen Berg. Auf dem Weg dorthin entdecke ich noch eine Besonderheit: die Raupe eines Totenkopffalters. Sie ist riesengroß, in etwa so lang und dick, wie mein Zeigefinger. Dazu ist sie auffällig blau und gelb markiert.

Der Totenkopffalter, der aus dieser Raupe bald schlüpfen wird, hat eine Flügelspannweite von über 10 cm, und kommt ursprünglich aus dem tropischen Afrika. Doch bis nach Nordeuropa sind schon Exemplare eingeflogen und haben sich vermehrt.

Die Besonderheit des Falters bringt mich zum schmunzeln bringt. Er liebt Honig! Der Totenkopffalter produziert Duftstoffe, die denen der Biene täuschend ähnlich sind. So kann er in Bienennester eindringen wie ein riesiger Tarnkappenbomber, der vom Bienenradar unentdeckt bleibt. Einmal dort, schlägt er sich den Bauch voll und verlässt den Bienenstock wieder, ohne je entdeckt zu werden. Genial!

Ich schlage am Berg mein Nachtlager auf und schaue lang zu, wie es über den Bergen im Osten dunkel wird und der Dunst der Nacht alle Kontouren verschwimmen lässt. Dann lege mich in mein warmes Zelt und sage gute Nacht.

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