Entenmuscheln und wahrer Luxus

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  1. Wandertag
    Playa del Silencio – Area Recreativa Playa de las Espinas

Heute ist der letzte volle Tag, den ich in meinen plattgelaufenen Sportschuhen verbringen werde. Morgen, am frühen Nachmittag, geht mein Flug zurück nach Hause. Nach fünf Wochen in Nordspanien ist es Zeit, adios zu sagen.

Meine Füße haben eine Pause verdient. Und die vielen Bilder in meinem Kopf dürfen einmal sacken.

Ich habe in den letzten Wochen viele tolle Landschaften gesehen, und auch nette Menschen kennen gelernt – wobei auf dieser Reise doch die Naturerlebnisse im Vordergrund standen. Viele der bergigen Gegenden in Asturien waren fast menschenleer, sodass ich fast immer allein unterwegs war. Aber es gibt so viel zu bewundern und bestaunen, dass ich eigentlich nie gelangweilt war.

Man kann einem Sonnenuntergang, einem Reh zwischen den Felsen oder dem Spiel des Windes auf einer Wasseroberfläche schließlich beliebig lang zu schauen, ohne sich jemals satt gesehen zu haben.

Ich habe auch schon für meine nächsten Wanderreisen Ideen gesammelt, was die Ausrüstung anbelangt.

Ich habe auf der ganzen Reise mit dem Wetter riesiges Glück gehabt, und das ist auch heute so. Relativ milde Temperaturen, ein riesiger blauer Himmel, und eine leichte Brise, die alles erträglich macht.

Zwischen längeren Abschnitten auf Landstraßen gibt es heute immer wieder kleinere Trail-Abschnitte. Ich treffe ein niederländisches Ehepaar, und etwas weiter begegne ich einem Mexikaner namens Ismael, der aus dem mexikanischen Bundesstaat Colima an der Pazifikküste kommt. Es ist das erste Mal, dass Ismael den Camino läuft. Um seinen Hals baumelt ein großes Kreuz aus braunem Holz. Mönch ist er nicht, aber er sei auf dem Weg, seine Religion besser kennen zu lernen, erzählt Ismael.

Kurz darauf laufe ich einer Siedlung von Sinti und Roma vorbei. Überall türmt sich der Müll. Alles ist verwüstet. Woher kommt die Müll-Sammelkultur? Warum lebt man freiwillig in einem Zuhause, in dem sich nicht einmal Türen und Fenster öffnen lassen, vor lauter Müll, der sich vor dem Wohngebäude stapelt?

Nur zwei Kilometer nach der vermüllten Siedlung, stehe ich mitten in dem wunderschönen Fischerdorf Cudillero. In einem Restaurant direkt am Hafen kehre ich ein und bestelle etwas ganz besonderes. Percebes.

Es handelt sich dabei um die Entenmuscheln, die so genannt werden, weil ihre Form ein bisschen an einen Entenschnabel erinnert. Die Ernte ist riskant, denn die Fischer müssen während der Ebbe auf die Felsen klettern, um die Muscheln zu ernten.

Entsprechend werden auch Kilopreise von deutlich über 100€ für die kostbare Delikatesse fällig. In den Restaurants werden üblicherweise 250 g Portionen verkauft.

Als ich meine Portion bestelle, eilt der Koch höchstpersönlich zum direkt nebenan gelegene Händler für Meeresfrüchte und holt einen frischen Teller Entenmuscheln, die sogleich zubereitet werden.

Ich stelle mich etwas ungeschickt an mit dem Öffnen, sodass der Kellner beim zusehen zusammenzuckt und mir sofort zeigt, wie es wirklich geht. Das muss gelernt sein! Die Entenmuscheln schmecken köstlich nach Meer und haben in etwa die Konsistenz von Garnelen.

Nach meinem besonderen Mittagsessen laufe ich auf dem Camino de Miradores an der Küste entlang. Auf dem gepflasterten Weg kommt alle 500 Meter ein Aussichtspunkt mit Blick auf das Meer.

An einem dieser Aussichtspunkte treffe ich Begonia, die als Geoprospektor für Minengesellschaften arbeitet. Sie erzählt mir, dass man in den tiefen Canyons vor der Küste sogar Riesentintenfische vermutet. “Schau beim nächsten Besuch das Museum von Jacques Cousteaus Sohn an”, empfiehlt sie mir.

Auf dem Camino de Miradores schlage ich mein Zelt auf.

Kurz darauf kommt ein Mann mit einem langen Bart, der an der Spitze zusammen geknotet ist. An seiner Seite läuft eine zierliche Frau mit einem riesigem Rucksack und einem Hund, der ein bisschen aussieht wie ein Schäferhund. “Macht es dir was aus, wenn ich hier auch zelte?”, fragt sie mich und stellt sich als Dasha vor. Dasha hat lange braune Haare, und zwei Strähnen, die mit diversen Perlen geschmückt sind.

Ursprünglich kommt Dasha aus der Ukraine, aber sie lebt seit sieben Jahren in Spanien in der Nähe der portugiesischen Grenze. Das Erasmus Studium in Polen und Österreich war nichts für sie, und sie entdeckte ein Leben mit wenig Geld aber viel Freiheit für sich. “Es geht”, sagt sie mir. Eine Holländerin stellt ihr einen Wohnwagen auf ihrem Grundstück zur Verfügung und wenn das Geld knapp wird, kann man in der Schweiz als Erntehelfer gut verdienen.

“Mein Rucksack ist ziemlich schwer”, sagt Dasha. Er wiegt fast 25 Kg. Und Dasha wiegt selbst nur 48 Kg, sagt sie mir. Einer ihrer Gastgeber hat ihr deshalb einen Rolltrolley mitgegeben, auf dem sie den Rucksack hinter sich herziehen kann. Ein anderer hat ihr ein neues Paar Asics Schuhe geschenkt.

“Die gute Energie der Menschen trägt mich vorwärts”, sagt Dasha.

Ein wirkliches Ziel hat sie nicht. 56 Tage ist sie schon unterwegs.

“Ich habe neue Hoffnung in die Menschen bekommen”, sagt sie.

Und auch über ihren Rucksack muss sie nicht schimpfen. “Vielleicht ist der schwere Pack eine Metapher für meine Seele”, sagt sie. “Ich muss das Loslassen lernen und seelisch frei werden. Mein Kopf ist so überladen wie mein Rucksack.”

Die Reduktion auf das Mindeste – das ist für mich der größte Luxus beim Wandern. Jeder muss finden, wieviel er wirklich braucht. Es kann erstaunlich wenig sein.

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