Siebter Wandertag
Cangas de Onís – Benia de Onís (26Km)
Ich habe super geschlafen und bis auf mein Kopfweh geht es mir wieder recht gut. Ganz bei 100 % bin ich noch nicht, aber das wird bald wieder!
Ich gehe den Morgen wieder ruhig an und bin so erst gegen 10:30 Uhr unterwegs. Zuerst komme ich an einem großen Sportplatz vorbei. Vor dem Zaun hängt eine grüne Schutzplane, sodass ich nicht sehen kann, was auf dem Sportplatz passiert. Ich kann aber hören, und da höre ich Zweierlei.
Einmal höre ich viel Jubel, und zum anderen höre ich viel freudiges Gebell. Nanu, denke ich, da haben die Zuschauer wohl ihre Hunde mitgebracht, und die jubeln mit!
Doch nur wenige Schritte weiter ist eine Lücke in der Trennwand, durch die ich auf den Sportplatz spähen kann. Und was sehe ich da: Auf dem Sportplatz sind gar keine Fußballspieler oder Leichtathleten, nein, dort ist ein Hindernis Parkour aufgebaut, den Dutzende Hunde, einer nach dem andern, bewältigen müssen.
Was für ein Spektakel! Das ist ein richtiger Wettkampf, wo die besten einen fetten Hundeknochen bekommen und die Verlierer niedergeschlagen nach Hause dackeln…
Kurz darauf stehe ich in Cangas de Onís am Fluss. Dort steht das Wahrzeichen der Stadt, eine alte Römerbrücke (die in ihrer aktuellen Form allerdings nicht von der Römerzeit stammt).
An der Brücke ist ein Victoriakreuz dargestellt, dass über einem umgedrehten Halbmond thront. Dies ist ein Hinweis auf die Schlacht von Covadonga, bei der erstmals ein christliches Heer die maurischen Armeen, die damals die iberische Halbinsel beherrschten, geschlagen hat. Das war im Jahr 722, und wurde der Beginn der 770 Jahre langen Reconquista, d.h. Wiedereroberung Spaniens, die mit dem Sieg über dem Herrscher von Granada 1492 abgeschlossen wurde.
Von Cangas de Onís geht es hoch in die Berge. Zwischen Eukalyptusbäumen, Pinien und Farnenteppichen laufe ich vollkommen allein durch die Natur. Doch plötzlich kommt mir eine Gestalt entgegen. Ein anderer Backpacker! Ein bisschen jünger noch als ich, braun gebrannt und mit einem leicht verwirrten, kreuzäugigen Blick, so als hätte er einen Joint zu viel geraucht.
„Weißt du, wo es hier zu den Picos de Europa geht“, fragt er mich. „Ich will eine Mitfahrgelegenheit dorthin finden.“
„Ich glaube, da musst du hier aber lange warten“, sage ich. „Komm, geh doch ein Stück mit mir mit. Auf der Karte sehe ich, dass in 3 km eine Straße kommt.“
Wir laufen ein Stück zusammen, bis wir an der Straße ankommen. Der erste Eindruck, dass dieser Backpacker ein bisschen verwirrt ist, bestätigt sich. Seine Gedanken sind sprunghaft, und irgendwie scheint er sich nicht lange auf eine Sache konzentrieren zu können. Aber er ist ein netter Kerl. Lorenz heißt er.
Sein Vater kommt aus Holland, seine Mutter aus Kolumbien – er hat aber in seinem ganzen Leben weder in Holland noch in Kolumbien gelebt, sondern ist in Barcelona aufgewachsen. Gerade ist Lorenz aus Nepal zurückgekommen. Da ist er fünf Monate als Anhalter von Neu-Delhi bis Kathmandu getrampt.
Im September will Lorenz ein Architekturstudium in Delft beginnen. Ich wünsche ihm viel Erfolg – er sagt, mit Chat GPT werde er das schon packen, und dann verabschieden wir uns.
Eine Stunde später: Ein kurzer Regenschauer verscheucht mich unter eine Eiche mit dichter Krone, und ich nutze die Gelegenheit, mir einmal ganz in Ruhe Farnenblätter anzuschauen. Da fällt mir auf, dass in jedem kleinen Blatt, noch einmal ein Muster eingezeichnet ist, das ein Abbild des größeren Farnenblattes ist.
Als der Regen vorbei ist, laufe ich weiter. Plötzlich sehe ich auf dem Weg vor mir einen großen Käfer. Ein Hirschkäfer Weibchen! Vorsichtig versuche ich, die Hirschkäferdame auf meine Hand zu bugsieren. Sie will nicht, aber mit Geduld und Beharrlichkeit schaffe ich es, sie zu überzeugen. Ich muss aufpassen: die Hirschkäfer Damen können noch fester zupacken als die Männer. Bei den Herren ist alles Show (ein paar Tage später finde ich ein Männchen und teste mal aus, wie die Kraft der Zangen ist. Antwort: Es tut weh! Fazit: Wenn die Weibchen noch kräftigerer Zangen haben, dann lasst die Finger weg!!!). Bei den Damen geht’s echt zur Sache!
Zwischen mir und dem Meer liegt noch eine Bergkette. Ich laufe parallel zur Küste, habe das blaue Wasser aber noch nicht ein einziges Mal gesehen. Aber manchmal, wenn der Wind richtig steht, meine ich, einen Hauch von Salz in der Luft zu riechen. Nur noch wenige Tagesetappen, dann bin an den Küsten von Kantabrien! Über 200 km zu Fuß – damit bin ich wohl offiziell ein Weitwanderer.
Mein Nachtlager schlage ich wieder auf einem Picknickplatz auf, wo es sowohl einen Wasseranschluss als auch schöne Tische zum Kochen gibt. Den ganzen Platz muss ich mir nur mit einem französischen Pärchen teilen, die in ihrem Camper schlafen. Beste Bedingungen. Gute Nacht!

