Tag 66: Gastfreundschaft in der Steiermark

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Zum ersten Mal warten richtige Höhenmeter auf mich. Den ganzen Vormittag führt meine Strecke entlang von kleinen Landstraßen und Flussradwegen stetig leicht bergauf. Hinter einer Bahnunterführung beginnt die Kletterpartie dann im Ernst. 700 Höhenmeter gilt es zu überwinden, das Wechselgebirge, bis ich auf knapp 1000 Metern stehe. Dort liegt noch ein bisschen Schnee, denn in der Nacht sind einige Flocken gefallen. 

Mir begegnen beim Aufstieg einige Wanderer, vereinzelte Rennradfahrer und ein paar Buchfinke. Führt mich mein Weg durch ein Waldstück, wird mir schnell warm. Bin ich hingegen draußen auf einer offenen Fläche, dringt der eisige Wind in sekundenschnelle durch alle meine Kleidungsschichten. Meine Knie werden kalt, und durch das Leder von meinem Sattel kriecht die Kälte auch nach oben. 

Oben am Berg in Mönichskirchen angekommen, ist es schon 15:30 Uhr nachmittags. Ich setze mich in eine windgeschützte Bushaltestelle und esse ein Laugendreieck und ein Brötchen mit Bergkäse. Jetzt wartet eine 10 km lange Abfahrt auf mich. 

Ich merke sofort, dass ich auf der richtigen Seite des Gebirges bin, auf der Sonnenseite. Ein Schild in einem kleinen Dorf weist den Besucher darauf hin, ein Wechsel auf die Sonnenseite sei angebracht. Ein kleines Wortspiel.

Etwa eine Stunde vor Einbruch der Dunkelheit suche ich einen Zeltplatz. Heute frage ich zuerst bei einer Familie mit zwei kleinen Kindern. Ob ich auf der Wiese neben dem Fluss vor ihrem Grundstück zelten kann, frage ich. Der Familienvater schlägt einen besseren Zeltplatz vor, der nicht so feucht sei. Dafür muss ich noch ein kurzes Stück bergauf nach Grafendorf fahren. 

Dort gebe es eine Grünfläche, auf der ich mein Zelt hinstellen könne, erklärt der Mann.

Ich komme zu besagter Wiese, und ich setze mich in der Nähe auf einen umgefallenen Strommasten und beginne zu kochen. Heute gibt es Maccaroni mit Ricotta-Tomatensoße. Ich gebe zu, das ist nicht sehr kreativ, dafür jedoch leicht zu transportieren und es ist genug Sauce für zwei Tage da. Das ist wichtig, denn am Sonntag kann ich ja keinen Proviant kaufen.

Ich esse gerade die letzten Reste aus meinem Topf, als eine Frau aus dem anliegenden Haus kommt. Ich winke ihr zu und rufe “Hallo!”

Ob das hier ihr Grundstück sei, frage ich.

“Ja”, sagt die Frau, “aber das ist kein Problem, wenn du hier bist”

Die Frau ist sehr freundlich, obwohl da ja gerade ein Fremder in ihrem Garten sein Abendessen gekocht hat. Sie fragt mich: “Möchtest du noch ein warmes Getränk, ein Tee zum Beispiel?”

“Oh ja, sehr gerne! Das ist aber wirklich nett von Ihnen!”, antworte ich.

“Kein Ding”, meint die Frau, die Hermine heißt. “Du kannst es bei der Kälte bestimmt gebrauchen!”

Hermine erzählt mir, dass sie sich um streunende Katzen kümmert, sie sterilisieren lässt und aufpäppelt. Eine davon hat sie als Hauskatze. 

Ich kann mein Zelt im Garten aufbauen, was bei dem aufkommenden Wind ein kleines Kunststück ist. Immer wieder will mir meine Zeltplane davonfliegen.

Doch schließlich liege ich im Zelt und trinke den warmen Tee, den mir Hermine zubereitet hat. Was für eine Wohltat, sich mit der heißen Tasse in den Händen wieder Leben in die kalten Finger einzuhauchen.

Hermines Mann, Karl, lerne ich kurz darauf auch kennen. Er ist genauso nett und aufgeschlossen.

Sie haben zwei Kinder, erzählt er mir. Einen Sohn und eine Tochter. Die Tochter ist Ärztin, der Sohn hat auch BWL studiert.

“Was hast du studiert”, fragt er mich. “Wirtschaftswissenschaften”, sage ich.  

“Sehr gut”, sagt Karl, “das habe ich auch studiert.”

Ich diktiere gerade mein Tagebuch, als Karl nochmal raus zu meinem Zelt kommt. 

“Willst du nicht reinkommen, wir haben ein Gästezimmer”, schlägt er vor.

“Es wird heute Nacht kalt und sehr windig werden. Meine Frau meinte, da wäre doch ein warmes Zimmer viel besser als im Zelt zu schlafen”

Ich stimme zu und lege meine schweren Taschen in das Zelt, damit es nachts nicht davonfliegt. 

Ich kann mich im Haus warm duschen, was für ein Luxus! Nach der ersten richtig anstrengenden Etappe ist das eine absolute Wohltat. 

Morgen werden wir zusammen frühstücken. 

Damit endet diese erste Woche in “fremden Gefilden” (wenn man Österreich denn als Deutscher so nennen darf) zusammen mit wunderbaren Gastgebern.

Und das alles, weil ich aus Versehen auf einem Privatgrundstück mein Abendessen gekocht habe. 

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