Geschichten der Anderen

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Zehnter Wandertag

Zu einem wunderschönen Sonnenaufgang stehe ich auf und baue mein Zelt ab. Ich wandere die letzten 10 km von meinem Weg durch Asturien in unter 2 Stunden, denn es geht alles bergab.

Im Grenzort Panes angekommen, bin ich am Endpunkt des GR 109. In zehn Etappen habe ich die Hälfte des Weges geschafft, in anderthalb Wochen werde ich dann die zweite Hälfte in Angriff nehmen.

Von Panes aus muss ich noch eine letzte Bergkette überwinden, dann kann ich das Meer vor mir sehen. Ich unterhalte mich neben einer alten Kapelle ein Weilchen mit einem älteren Herrn, der José heißt, oder Pepe – „das sei ja alles das gleiche“, sagt er.

Und tatsächlich ist Pepe der Spitzname für José. Angeblich leitet sich PP (Pepe) vom lateinischen Padre Putativo ab, mit den Initialen PP. Padre Putativo vezieht sich auf den vermeintlichen Vater, sprich Josef aus der Bibel.

Ich merke, dass ich immer näher an die Küste komme, denn ich sehe immer mehr Autos mit deutschen und niederländischen Kennzeichen.

Eine letzte Hügelkuppe ist überwunden, dann fällt mein Blick auf das Meer, das an diesem strahlend blauen Tag mit dem Himmel zur verschmelzen scheint. Das ist ein erhebendes Gefühl, in diese endlose blaue Weite zu schauen.

Es geht 7 km bergab und dann stehe ich im Ort Colombres, und damit auch auf dem Küstenjakobsweg Camino del Norte. Innerhalb von 3 Minuten sehe ich dort mehr Wanderer, als in den vergangenen zehn Tagen. Vor mir läuft eine ganze Schulstufe, die Lehrer ziehen eine große Musikanlage wie ein Rollkoffer hinter sich her – zu der Musik lässt es sich wunderbar laufen.

Etwas später kaufe ich ein und fange dann eine Unterhaltung mit einem Obdachlosen an, der neben dem Eingang des Supermarktes sitzt. Juanjo heißt er, das ist die Kombination aus Juan und Jose.

Ich habe mich schon länger dafür interessiert, was für Geschichten hinter den Menschen auf der Straße stecken. Juanjo erzählte mir, dass er aus einer Familie von Landarbeitern kommt. Geboren wurde er in der Nähe von Merida, eine wunderschöne Römerstadt in der Extremadura, in der ich 2022 mit dem Fahrrad war.

Schon sein Uropa war war Landarbeiter, und so waren es auch sein Opa und seine Eltern.

Nach der Schule ging Juanjo zum Militärdienst. 1991 war das, für 10 Monate. Danach arbeitete auch er als Landarbeiter und Ernthelfer. Das war natürlich saisonale. Arbeit, alles schwarz, ohne Arbeitsvertrag. „Ich habe dort viel Scheiße erlebt“, sagt Juanjo. “Sie bezahlen dich einfach nicht, geben dir das Geld nicht, dass dir zusteht.”

„Und es ist in den letzten Jahren immer schlimmer geworden, weil es viele Leute gibt, die in der Landwirtschaft arbeiten wollen – vor allem Immigranten. Ich will das nicht mehr. Einmal habe ich die ganze Erntesaison für einen Unternehmer gearbeitet. 7000 € hat er mir geschuldet. Bezahlt hat er nichts.. Aber ohne Vertrag – was will ich machen?“

Ich habe seit 20 Jahren keinen festen Wohnsitz mehr. Seit 2011 kriege ich Unterstützung vom Staat. Das sind 685 € im Monat. Aber versuch mal, damit eine Wohnung und Kleidung und Essen zu bezahlen.

„Ich ziehe in Spanien um her, je nachdem, wo das Wetter gerade gut ist“, erzählt Juanjo. „Valencia, Barcelona, gerade bin ich im Norden, weil es im Sommer dort am kühlsten ist, im Winter unten in der Extremadura in Merida. Das ist mein Leben.“

„Hast du irgendeine Hoffnung für die Zukunft?“, frage ich Juanjo.

„Man darf keine Hoffnung für die Zukunft haben“, sagt Juanjo. „Ich plane nichts. Ich existiere. Jeder Tag kommt, wie er kommt. Ich lebe im Moment. Nein, ich habe keine Hoffnungen, weil das würde ja bedeuten, mir über die Zukunft Gedanken zu machen. Und das tue ich nicht.“

„Ich bin 48 Jahre alt und ich war nie krank“, sagt Juanjo. „Ich bin zäh, es kommt von meiner Familiengeschichte, wir haben alle hart gearbeitet auf dem Land. Das ist in unserer Genetik.“

„Mein Problem ist meine Persönlichkeit. Ich nehme alles sehr intensiv wahr und das macht mir Probleme. Ich war mal bei einem Arzt, der meinte, ich sei eine Personalidad alta. Das bedeutet, dass ich sehr sensibel auf Reize in der Umgebung reagiere, ich lerne schnell, aber manchmal komme ich nicht klar. Der Arzt meinte, ich soll viel Sport machen. Das hilft, dann bin ich beschäftigt und müde… Aber auf der Arbeit… Naja, da bin ich auch schon ausgerastet… aber ich will nicht drüber reden“

Juanjo hat nicht das typische verwaschene Alkoholiker Gesicht. Er sieht aus wie ein Wanderer auf dem Camino, etwas müde, eingefallene Wangen, braun gebrannt. Wie jemand, der jeden Tag viel läuft und dabei etwas zu wenig isst.

Juanjos Haare sind Pfeffer und Salz, schwarz und grau gemischt, so auch sein Zwei-Wochen Bart.

„Es gibt drei Dinge, die mich und meinen Geist gesund halten“, sagt Juanjo. „Die Disziplin. Das habe ich vom Militär mitgenommen. Die Routine. Ich stehe jeden Tag um 9:00 Uhr auf, wasche mich und bin dann bis 8:00 Uhr abends auf der Straße. Und die Musik. Ja, ohne die Musik wäre ich schon längst verrückt geworden. Hardrock, das ist mein Lieblingsgenre.“

Juanjo zählt mir alle seine Lieblingsartisten auf, von denen viele aus Deutschland und den Niederlanden stammen. „Ihr habt eine richtig gute Szene“, sagt er mir.

Wahrscheinlich hat Juanjo am Monatsende gar nicht so viel weniger Geld in der Tasche, als ein Arbeiter, der in Spanien für einen Mindestlohn von 1100€ arbeitet. Am Jakobsweg sind die Menschen spendierfreudig. Die Kasse klingelt.

Als ich mich verabschiede, zieht Juanjo genüsslich an einer selbstgedrehten Zigarette.

Juanjo lebte auf der Straße, weil er es so wollte. Für ihn sei es am besten so, hatte er mir gesagt.
Um Morgen wollte, oder konnte, er sich nicht sorgen. Er konnte umherziehen, wie er wollte. Das war seine Freiheit. Eigentlich war es einem Pilgerleben nicht so unähnlich. Auch da halten Disziplin, Routine und Musik (oder andere künstlerisch-intellektuelle Beschäftigung ) den Geist gesund.

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