- Wandertag
Santiano de Porley – Besullo (30 Km)
Übernacht ist es warm geworden. Im Tal hat es nun 30°, oben auf dem Berg 25°.
Ich laufe durch endlose Heidelandschaften. In der Luft hängt der Dunst eines heißen Tages. Die Berge sind blau eingefärbt. Ich habe das Gefühl, durch eine Aquarellzeichnung zu laufen. Die geometrischen Formen der Berge werden von der Heide sanft hervorgehoben, alle Konturen kommen zur Geltung, aber weich, als wäre der gesamte Berg durch ein Seidentuch bedeckt, wie ein Kunstwerk von Christo.
Der erste Berg des Tages ist der Alto de Los Acebos. Acebos sind Stechpalmen, und stehen hier unter strengem Naturschutz. Neben einer solchen Stechpalme, und dazu noch ein sehr imposantes Exemplar, steht ein einsames Bauernhaus, aus dem lateinamerikanische Tanzmusik kommt. Das Gartentor steht offen, und über dem Eingang hängt ein einladendes Schild: Bar.
Ich gehe hinein und treffe die Wirtin, eine Frau mittleren Alters, mit halblangen schwarzen Haaren. Hinter der Theke stehen nicht nur die üblichen Flaschen von Hochprozentigem, sondern auch säuberlich aufgereiht Honiggläser.
Sofort kommen wir über die Imkerei ins Gespräch. Der Mann der Wirtin ist leidenschaftlicher Bienenzüchter.
„Wie geht es hier gerade den Imkern?“, frage ich.
Die Wirtin fängt an zu erzählen: „Seit einigen Jahren gibt es hier asiatische Riesenhornissen. Sie zerstören ganze Völker! Eine Hornisse dringt in den Bienenstock ein und tötet alle Bienen. Es ist eine Katastrophe!“
„Wir imkern, weil wir die Bienen lieben. Ohne Bienen gäbe es hier nichts von alledem, was du hier siehst. Keine Landwirtschaft, kein Essen, keine Dörfer, und wahrscheinlich auch keine Menschen.“
„Wir verdienen mit dem Honig kein Geld.
Der ist nicht zertifiziert, man kann ihn nicht im Supermarkt verkaufen, da ist alles so, wie ist die Natur selbst vorgesehen hat.“
„Aber wenn wir diese Hornissen nicht in den Griff bekommen, dann sieht es hier wirklich düster aus. Die wurden eingeschleppt, wahrscheinlich mit Holztransporten aus Asien.“
„Aber was hilft es, sich zu beklagen“, sagt die Wirtin. „Jetzt sind die Hornissen da, und wir müssen damit umgehen.“
Ich habe einmal in einer Dokumentation gesehen, wie Bienen sich gegen die asiatischen Riesenhornissen verteidigen können. Sie bilden einen Knäuel um die Hornisse herum, bis die Temperatur im Inneren so hoch wird, dass die Hornisse daran zu Grunde geht. Die Bienen können ihre Körperkerntemperatur besser regulieren, aber die viel größere Hornisse stirbt an Überhitzung.
Ob das die asturianischen Bienen noch nicht gelernt hätten, frage ich.
„Das weiß ich leider nicht“, sagt die Wirtin, „da müsstest du meinen Mann fragen, aber der ist gerade nicht hier. Wenn ich die Zerstörung sehe, die die Hornissen anrichten, dann denke ich, dass unsere Bienen das noch lernen müssen. Nur wie bringen wir es Ihnen bei?“
Ja, gute Frage. Eine andere gute Frage ist, warum die Natur ein Wesen hervorbringt, das ein ganzes Bienenvolk zerstört, ohne, dass es dafür um das Überleben geht. Wobei: diese Frage können wir uns auch selbst stellen. Menschen und Hornissen sind vielleicht gar nicht so unähnlich …
Ich verabschiede mich von der Wirtin und bin schon fast verschwunden, als sie noch mal rausrennt und mir hinterher ruft: „du hast deine Wanderstöcke vergessen!“
Sie gibt mir die Stöcke und macht mich nochmal auf die Stechpalme aufmerksam. „Das ist eine männliche Stechpalme“, sagt die Wirtin. „An ihr wachsen keine der hübschen roten Beeren.“
In Cangas del Narcea, dem hübschen historischen Dorf unten im Tal, esse ich eine leckere Fabada (ein Asturianischer Bohneneintopf, mit Chorizo und Morcilla).
Nach einem schweißtreibenden Aufstieg bin ich wieder mitten in den Bergen, umgeben von Heiden und zirpenden Grillen. Einige Bauern mähen des Gras auf den Almen, doch ansonsten sehe ich keine Menschenseele. Erst nach vier Stunden sehe ich wieder ein Dorf, Die Häuser dort sind gut gepflegt und haben wunderschöne Schieferdächer.
Ich spreche mit einigen Frauen, die aus Oviedo kommen und den Sommer im Dorf verbringen. Eine ältere Dame beobachtet uns, verschwindet und kommt mit einer Flasche Wasser und einem Kuchenstück für mich zurück. „Du sollst hier nicht hungrig sein“, sagt sie mir lächelnd. Ja, die Menschen hier auf dem Dorf sind sehr nett.
Im Winter ist natürlich viel weniger los.
Die Frau, die den Kuchen gebracht hat, erzählt, dass im Winter nur 20 Menschen im Dorf leben.
„Früher hatten wir, wenn es geschneit hat, eine Woche lang keinen Strom“, erzählt sie. „Aber es schneit hier kaum noch. Und auch dieses Jahr ist viel zu warm und trocken. Für dich ist es natürlich gut, dass du keinen Regen hast“, sagt sie.
„Was machen die Menschen hier im Winter?“, frage ich.
„Es gibt im Winter nicht viel zu tun. Wir passen auf die Tiere auf, kochen und essen, mehr eigentlich nicht“, sagt die alte Dame.
Das hört sich fast wie ein Wanderleben an.
Ich werde heute nicht mehr viele Kilometer laufen. Neben einer kleinen Kapelle im pittoresken Dorf Besullo stelle ich mein Zelt auf und bereite mein Abendessen zu. Im Fluss neben der Kapelle wasche ich den Staub des Tages von der Haut. Was fühlt sich das gut an! Bis morgen!

