Im Wettkampf mit der Hitze

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Fünfter Wandertag

La Marea – Villamayor (27Km)

Wieder einmal geht es vor der großen Hitze los. Den ersten Anstieg will ich im Schatten laufen. Da mein ursprünglicher Pfad gesperrt war, und außerdem vollkommen überwuchert war, bin ich auf einer kleinen einspurigen Straße unterwegs.

Zwischen 100-jährigen Haselsträuchern hindurch folge ich einem Bachlauf immer weiter den Berg hoch. 400 Höhenmeter gilt es zu überwinden, dann stehe ich auf dem 900 m hohen Gipfel.

Die Bergspitzen hängen noch im Dunst fest, doch der Nebel lichtet sich bereits um 8:00 Uhr, und die Sonne lugt zwischen den Wolken hervor.

Es verspricht, ein heißer Tag zu werden. Ein Einwohner in einem Dorf hat mir erzählt, dass es heute Nachmittag Gewitter geben soll. Deshalb mache ich jetzt lieber Strecke, damit ich nachmittags in Ruhe einen sicheren Schlafplatz suchen kann. Einkaufen muss ich auch noch, denn nach zwei Tagen ohne Einkaufsläden ist mein Proviant allmählich aufgebraucht.

Bald bin ich oben am Berg angekommen. Der Duft von Holzkohle hängt in der Luft. Auf einem Feld auf der gegenüberliegenden Bergseite verbrennt ein Bauer Äste und Vegetation. Mich überkommt eine gewisse Nostalgie, wie sie nur Gerüche hervorrufen können: Ich muss zurück an meine Zeit in Südamerika denken, als ich im Dschungel von Peru und Brasilien unterwegs war. Dort hat es auch manchmal so gerochen, weil man die Vegetation einfach verbrannt hat, anstatt sie abzuschneiden.

Ich komme oben am Berg an und laufe zwischen alten Bauernhäusern vorbei auf der anderen Seite wieder runter. Aus einem der Häuser dringt Klaviermusik. Ich kenne das Lied, denn ich habe es mit Nils auf der Geige rauf und runter gespielt – “The Entertainer”! Wer auch immer da am spielen ist: die Freude und der Witz, die das Lied ausstrahlt, erreichen mich mit jeder Note. Ich laufe gleich beschwingteren Schrittes!

Am späten Nachmittag komme ich in Villamayor an, ein kleines, 300 Seelendorf, in dem es noch einen Tante-Emma-Laden gibt. Hier sind alle Preise noch mit Hand auf das Regal geschrieben.

Der Besitzer, André, ist gleichzeitig der Bürgermeister. Er erzählt mir, dass Villamayor die Stadt der zwei Lügen ist. Weder handelt es sich um eine Villa, noch ist das Dorf groß oder bedeutend (mayor). Der Name ist eine doppelte Lüge!

Früher hat man in dem Dorf von der Süßigkeitenfabrik gelebt: fast alle Menschen im Dorf haben dort Bonbons der Marke Chupa Chip hergestellt. Doch die Fabrik ist seit Jahren außer Betrieb, und die meisten Menschen arbeiten woanders.

Ich kann mich bei André duschen und der nette Bürgermeister sagt mir, wo ich am besten mein Zelt aufstellen kann.

Bevor ich gehe, drückt er mir noch eine Cola in die Hand. Damit ich genug Energie habe, um zu meinem Schlafplatz zu kommen, sagt er mir mit einem Augenzwinkern. Was für ein netter Mensch.

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