Neunzehnter Wandertag
Belmonte – Tuña (30 Km)
Ich baue in aller Ruhe mein Zelt ab und esse die letzten Reste meines verbrannten Hafer-Ameisen Müslis. Dann steige ich die 400 m ins Dorf Belmonte ab, wo ich in der „Bar Fidus“ ein Brötchen esse.
Hinten an der Wand von der Kneipe hängen viele Tonkacheln mit lustigen Sprüchen, die allesamt nicht ganz politisch korrekt sind.
Die Sprüche lauten zum Beispiel: “Ein schlauer Mann und eine dumme Frau, das nennt sich ein Plan. Eine schlaue Frau und ein dummer Mann, das nennt sich Ehe.”
Oder: “Trinken ist gut! Wer viel trinkt, der schläft. Wer schläft, der sündigt nicht. Wer nicht sündigt, der kommt in den Himmel. Also lasst uns darauf anstoßen.”
Die erste Frage der Wirtin, die Christina heißt, ist, ob ich an den Dreharbeiten für den Film „Tribute von Panem“ mitarbeite, der gerade ganz in der Nähe im Nationalpark Somiedo gedreht wird. An der Bar lehnen sich alle nach vorne, um meine Antwort zu hören.
„Aber nein”, sage ich, “ich wandere nur, genieße die Landschaft und unterhalte mich mit Menschen. Und ich probiere Honig“, füge ich hinzu.
„Du probierst Honig, das ist ja toll!“, ruft Cristina.
Cristina ist, wie ich auch, von Honig begeistert und gibt mir gleich eine Kostprobe des lokalen Imkerhonigs. „Das ist alles Handarbeit und den Imker kenne ich persönlich“, erzählt sie mir. „Er ist ein junger Mann, so wie du.“
„Beim nächsten Mal kommst du mit einem leeren Koffer und füllst den mit Honig! Ich würde dir ja gerne ein Glas mitgeben, aber wenn das im Wanderrucksack kaputtgeht…“
„Ja, das will ich auch nicht“, sage ich. Dann wären nämlich keine 100 Ameisen in meinem Rucksack, sondern gleich tausende!
Abends baue ich mein Zelt auf einer Alm auf. Die Wolken hängen tief und ein feiner Dunst besprüht meine Haut. Wie angenehm! Doch mit dem Sonnenuntergang wird es schnell kalt, und ich streife mir noch zwei Lagen Klamotten über.
Plötzlich höre ich, wie der Motor eines Geländewagens aufheult. In einer Staubwolke kommt ein weißes Gefährt angeschossen, brettert über die Weide und kommt vor mir zum Stehen. Ein junger Mann kurbelt das Fenster hinunter, neben ihm sitzt seine Freundin, eingemummelt in ein dicken Pullover. „Schläfst du hier?“, fragt mich der Mann. „Ja“, sage ich.
„Brauchst du etwas?“
„Nein danke, ich habe hier alles, was ich brauche.“
„Bist du dir sicher? Ich habe ein Haus ganz in der Nähe in Tuña, wir können dir was bringen.“
„Nein, wirklich, alles gut“, sage ich. „Ich habe schon gekocht.“
Neben dem jungen Mann bibbert seine Freundin. Ich sehe, wie ihre Zähne klappern. „Kalt, oder“, sage ich.
„Ja“, sagt sie. „Wir kommen aus Madrid. Diese Kälte sind wir nicht gewohnt.“
„Also dann, war nett, dich kennen zu lernen. Wir drehen noch eine Runde mit dem Allrad. Ich liebe es, hier in den Bergen zu fahren“, verabschiedet sich der junge Mann.
„Viel Spaß!“, wünsche ich.
Die Freundin sieht aus, als wäre ihr nichts lieber, als eine warme Dusche.
Doch schon gibt der Mann Gas, die Erdfetzen fliegen, und das Auto prescht davon.
Ich kuschel mich kurz darauf in meinen Schlafsack und schlafe augenblicklich ein.

