Es tröpfelt leicht, doch ein Zilpzalp ruft munter aus dem Gebüsch hinter meinem Zelt.
Der Autobahnverkehr rauschte die ganze Nacht laut vorbei. Dennoch habe ich gut geschlafen. Heute fahre ich nach Kroatien.
Ich überquere eine schneebedeckte Bergkette zwischen Samobor und Jastrebasko.
Danach geht es auf ruhigen Landstraßen durch endlose Heide und Moorwälder.
Ich fahre vorbei an verlassenen Schulen und Häusern. Menschen sind vor dem Krieg geflüchtet und nicht mehr zurückgekommen.
Schulen, Bauernhöfe und Fabriken stehen leer. Das, was kein Mensch geklaut hat, verrostet und verwittert langsam.
Abends habe ich es fast bis an die bosnisch-kroatische Grenze geschafft. Dort treffe ich in einer Kleinstadt die beiden Schwestern Marina und Angelina, die ich auf der Suche nach einem Zeltplatz anspreche.
Marina spricht perfekt Deutsch. Sie ist damals mit 19 nach Deutschland gekommen, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen.
Ihre Schwester und Mutter verstehen auch gut Deutsch, trauen sich aber nicht, zu sprechen.
Marina lebt heute mit ihrem Mann in Darmstadt, wo sie als Krankenschwester arbeitet. Sie ist nur über die Osterferien zu Besuch in Kroatien.
Marina telefoniert mit ihren Eltern. Vielleicht kann ich im Garten zelten. Marinas Eltern sind sehr besorgt, dass ich die Nacht im Zelt verbringen werde.
“Was wird er essen?”
“Wie wird er in einem Zelt schlafen bei der Kälte?”, fragt ihr Vater alarmiert.
Marina übersetzt die Fragen für mich.
Ich esse zusammen mit der Familie, es wird ein sehr schöner Abend. Im Kamin knistert ein Feuer, und ein Gläschen Slibowitz treibt mir die Wärme in die Wangen.
“Warum isst er nicht die Kartoffeln mit dem Brot?”, wundert sich Marinas Vater.
“Das ist in Deutschland nicht so üblich”, erklärt Marina.
Ich lerne ein paar neue Wörter. Serbokroatisch wird den meisten Balkanländern gesprochen, die Ausnahme ist Albanien.
zdravo- hallo
ukusno – sehr lecker
živjeli – Prost
Uzdravlje – Prost (formell)
Hvala – Danke!
voda – Wasser
glad – Hunger
da – ja
ne – nein
Milka, Marinas Mutter, gibt mir ein Geschenk mit auf die Reise: Ein leckeres Gebäck aus Blätterteig, Käse und Eiern, sorgfältig verpackt, das sie heute Vormittag zubereitet hat.
Morgen in Bosnien soll ich unbedingt Cevapcici essen, dort schmecke es am besten, rät mir Marina.
Wir nehmen am Ende eines wunderschönen Abends, bei dem ich mit viel Gastfreundschaft und leckerem Essen verwöhnt wurde, ein gemeinsames Foto auf.
Ich habe Marinas Vater (mit Marinas Hilfe) überzeugt, dass ich im Zelt gut schlafen werde. In der Wohnung wäre es mir zu warm geworden und ich möchte nicht, dass wegen mir jemand auf dem Sofa schlafen muss. Ich baue mein Zelt also im Garten der verstorbenen Großeltern auf. Mein Fahrrad kommt in einen Schuppen. Dann lege ich mich glücklich schlafen.


