Lebendige Berge

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Siebzehnter Wandertag
Proaza – Villamayor (29 Km)

In Villanueva sitze ich auf einer alten Brücke und schau hinab auf den Fluss. Die Oberfläche des Wassers sieht aus, als würde es regnen. Doch es sind Wasserläufer, Tausende von ihnen, die mit jedem kleinen Satz nach vorne Wellen auf der Wasseroberfläche verursachen, wie ein kleiner Regentropfen.

Eine Bachstelze fliegt dicht über die Wasseroberfläche, landet auf einem Stein am Ufer und wippt mit dem Schwanz.

Das Wasser hat eine leichte Grünfärbung, aber das könnte auch daran liegen, dass sich die üppige grüne Vegetation an der Oberfläche des Flusses spiegelt. Ich sammle kurz meine Kräfte, denn gleich geht es wieder hoch ins Gebirge: 1250 Höhenmeter gilt es zu überwinden.

Oben angekommen bin ich mitten im Naturparadies. Weit und breit keine Menschenseele. Auf einer sonnenbestrahlten Alm sonnen sich Dutzende von Gänsegeiern. Sie breiten ihre Flügel aus wie Solarpaneelen und stehen regungslos da, während die Sonne ihre Körper wärmt.

Ich sitze in einiger Entfernung und beobachte die Geier mit dem Fernglas. Plötzlich taucht hinter einem Heidebusch ein Fuchs hervor, rennt auf die Geier zu, die aufgeschreckt losrennen und wegfliegen. Von einer Sekunde auf die nächste ist der ganze Himmel voll mit Geiern, bestimmt 30 Stück, und der Fuchs trottet zufrieden über die Wiese.

Am Nachmittag verschwindet die bis dahin angenehm wärmende Sonne und es senken sich die Wolken hinab und hängen sich um die Berghänge wie weiße Tücher. Zwischen den Felsen erspähe ich ein Rothirsch. Eine halbe Stunde lang beobachte ich die Rehkuh, wie sie zwischen den Felsen nach Kräutern sucht, und immer wieder wachsam ihre Umgebung beobachtet.

Hier gibt es Wölfe, und zwar nicht wenige. Überall sehe ich ihre Kotspuren. Der Kot ist leicht vom Hundekot zu unterscheiden, denn darin sind viel Fell und Knochenreste.

Ich laufe gerade durch ein kleines Waldstück, als sich meine Nackenhaare aufspitzen und ich das Gefühl bekomme, dass mich jemand beobachtet. Oder etwas.

Ich drehe mich langsam einmal um die eigene Achse und höre es links über mir schnaufen. In 50 Metern Entfernung, zwischen zwei Buchen, steht ein Keiler mit ordentlichen Hauern. Von oben schaut er auf mich herab, hat mich anvisiert, schnauft noch einmal laut.

Ich greife nach meinem Fernglas, doch als ich den Klettverschluss aufmache, schreckt das Geräusch das Wildschwein auf, und es flüchtet ins Dickicht. Eine Taube fliegt mit laut klatschenden Flügeln davon, aber das Wildschwein ist verschwunden.

Was für ein Tag! Abends stelle ich mein Zelt inmitten von Wildpferden und Kühen auf einer Wiese mit unglaublichen Blick ins Tal auf. Ab und zu bellt einer der Hirtenhunde, die die Tiere beschützen. Zwischen den tief hängenden Wolken verschwinden die Berghänge, doch immer wieder tun sich Lücken auf und schenken mir einen Blick auf diese atemberaubende, menschenleere Landschaft, mitten im so dicht besiedelten Europa.

 

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