Los geht’s!

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Tag 1

Münster – Düsseldorf (108,4 Km; 397 Höhenmeter)

Münster. Samstag, der 17. Januar. Bei herrlichem Wetter und frühlingshaften Temperaturen schiebe ich mein schwarzes Böttcher-Tourenrad aus der Garage. Die Vögel zwitschern, der Duft von feuchter Erde liegt in der Luft. Freddy, unser Hund, tänzelt um mich herum und spielt mit dem Nachbarshund, Kaja. Um mich herum versammelt sind meine Eltern, meine Schwester und mein Bruder und die Nachbarn. Ich hänge meine roten Fahrradtaschen an die Gepäckträger. Die Taschen sind dieselben, mit denen ich in Südamerika unterwegs war. Ich drehe eine kleine Probeschleife. Das Fahrrad ist gut ausbalanciert, meine 20 Kilo Gepäck gleichmäßig verteilt. Doch irgendetwas klappert auffallend. Nach kurzer Untersuchung steht das Problem fest: Es ist mein Schutzblech, das von meiner Fahrradtasche zu dicht an den Reifen gedrückt wird. Ich montiere die Tasche anders, und schon gleitet mein Rad geräuschlos dahin. 

Obwohl es Winter ist, starte ich ganz bewusst von Zuhause. Ich will mich langsam vom Bekannten zum Unbekannten hinbewegen, beobachten, wie sich die Landschaft verändert und der Frühling Woche für Woche näher rückt. Ich möchte Europa im Winter erleben; wie die Sonnenstrahlen im Raureif gebrochen werden und die Eiskristalle in allen Farben des Regenbogens funkeln; wie mein Atem in kleinen Wölkchen davongetragen wird, Schneeflocken durch die Lüfte wirbeln und ich mich abends in einen warmen Schlafsack kuscheln muss.

Für mich ist das ein déjà vu: 2022 radelte und schob ich mein Tourenrad durch einen verschneiten Schwarzwald auf meiner ersten langen Radtour nach Süden. Sechs Monate ging es von Münster über Lissabon bis an die Südspitze Spaniens – und wieder zurück. Einige meiner Gastgeber von damals werde ich auch dieses Mal besuchen, vier Jahre später, wieder mit dem Rad, wieder im Winter. Der Kreis schließt sich, ein neues Abenteuer beginnt. 

Der Moment des Abschieds ist gekommen. Ich weiß, dass ich jetzt zum letzten Mal in vielen Monaten meine Geschwister und meine Eltern sehe und umarme. Doch mein Abschied ist auf Zeit, am Ende steht ein Wiedersehen, und das macht für mich alles erträglicher.

Ich frage mich, was Hieronymus Baumeister wohl gedacht hat, als er 1878 für immer von seiner Heimat Abschied nahm, um ins Ungewisse nach Innerafrika zu ziehen. War ihm bewusst, dass er nie zurückkehren würde? Dass er seine Geschwister nie wiedersehen würde? 

Die Welt von damals war nicht so vernetzt wie heute. Hieronymus sagte tatsächlich Lebewohl. Er starb mit 67 Jahren am Tanganjikasee, wo er 18 Jahre als Missionar gewirkt hatte, ohne Deutschland noch ein einziges Mal zu betreten. 

Gegenüber meinen vorherigen Touren habe ich einige Veränderungen am Fahrrad vorgenommen. Die wichtigsten Neuigkeiten sind eine Rohloffnabe (14-Gang Nabenschaltung), ein Kautschuk-Sattel und Sandalen. Ja, auch bei Minusgraden kann man mit Sandalen radeln – zumindest, wenn man dicke Socken und Wasser- und Winddichte Überzugsschuhe anzieht. Bisher sind meine Zehen bequem und unbeschadet davongekommen. Ich denke, so wird es auch bleiben. Was die anderen „Experimente“ anbelangt: Hier steht mein Fazit noch aus.

Erster Zwischenstopp ist Düsseldorf, wo ich nach 108 Kilometern bei meinem Freund Daniel unterkomme. Gestärkt von einer leckeren selbstgemachten Spaghetti Bolognese, schauen wir abends ein Fußballspiel zwischen Bayern und Leipzig. Bayern gewinnt mit fünf zu eins. Später schauen wir noch ein American Football Spiel.

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