Schlaue Fische

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  1. Wandertag
    Ribadeo – Ortigueira

Einen schöneren Ort zum Zelten als letzte Nacht kann man sich kaum vorstellen.

Die ganze Nacht das Rauschen der Wellen, frühs ein wunderschöner Sonnenaufgang, und gleich zum Frühstück ein nettes Gespräch.

Ich treffe einen älteren Fischer. Er trägt eine rote Jacke, hat lange schwarze Strümpfe an und eine leuchtend gelbe Kappe auf.

“Es ist nicht mehr so wie früher”, sagt er mir. “Es gibt nicht mehr so viele Fische.”

Er zuckt mit den Schultern.

“Die Fische sind halt auch schlauer geworden.”

Stolz zeigt mir der Fischer ein Foto von sich zusammen mit dem größten Calamari, den er je gefangen hat.

Der Fischer zeigt auf ein kleines Zweimannboot, dass in den Wellen wie ein Korken auf und ab schwimmt: “Die da fischen auch nach Calamari”, sagt er.

“Zum Sonnenaufgang und Sonnenuntergang ist die beste Zeit.”

“Ich werde mein Glück versuchen – vielleicht fange ich ja einen dummen Fisch”, zwinkert mir der Fischer zu und wünscht mir noch einen guten Camino.

Eine Frau macht Yoga am Strand, die ersten Surfer paddeln auf die Wellen zu und ein Schwimmer hat auch schon seine Runden gedreht. Ich laufe vorbei in einer modernen Neubausiedlung, in der die Häuser Meerblick haben.

Später führt mich mein weißer Schotterweg durch zahlreiche kleine Maisfelder. Es überrascht mich, dass der Mais hier direkt an der Küste angebaut wird. Ein starker Sturm und das ganze Feld ist doch platt. Aber der Mais kommt mit den Bedingungen wohl besser zurecht, als ich gedacht hätte.

An einem Bauernhof stehen auf einer Wiese die zwei größten Kühe, die ich je gesehen habe.

“Was sind das tolle Kühe!”, rufe ich dem älteren Bauern zu, der im blauen Hosenanzug mit der Mistgabel Heu schaufelt.

Der Bauer lächelt mich an und winkt mich zu sich.

“Diese Kühe sind Gott”, sagt er. “Es gibt nichts Schöneres auf der Welt, als ihnen zuzuschauen”

“Sie sind schon alt”, sagt der Bauer. “13 Jahre.” Er macht zwischen seinen Sätzen immer Pausen und schaut den Kühen zu.
Er scheint in Erinnerung zu schwelgen, seine Augen leuchten.

“Es waren ursprünglich drei. Die dritte war noch zwei Handbreit größer als diese beide. Aber sie ist schon gestorben.”

Der Bulle ist ziemlich abgemagert und läuft behäbig.

“Er hat Schmerzen”, sagt der Bauer. “Im alter bekommen die Kühe Probleme mit den Knochen. Sie fressen nicht mehr gut. Er war früher viel breiter.”

Der Bauer streckt seine Arme von sich. “So”, sagt er.

Die drei Kühe sind aus der Kreuzung mit einer deutschen Milchkuh und einem spanischen Fleisch-Bullen hervorgegangen.
“Warum sie so groß geworden sind? Ich weiß es nicht”, sagt der Bauer. “Spanien und Deutschland scheint eine gute Mischung zu sein.”

“Sie sind für mich wirklich das Schönste der Welt”, sagt der Bauer und lacht: “Aber gut, genug der Kühe, ich lasse Sie jetzt weitergehen!”

Die Kilometer purzeln und abends habe ich bestimmt 35 Kilometer zurückgelegt. Im Dorf Ortigueira schaue ich vom Leuchtturm aufs Meer. An der Küste sind viele Schiffe zerschellt. Die Namen der verstorbenen Seeleute stehen in große Schieferplatten eingraviert.

Spätabends suche ich nach einem Schlafplatz in Ortigueira und treffe dabei auf eine freundliche Familie aus Madrid – Mutter, Tochter Agur und Sohn Javi, die in Ortigueira der Hitze der Hauptstadt entkommen sind.

Agur hat in Amsterdam und Rom gelebt und gearbeitet und ist mit einem Kanadier verheiratet. “Ich habe versucht Holländisch zu lernen”, erzählt sie, “aber die Niederländer reden sofort Englisch, sobald sie merken, dass du Ausländer bist.”

Nur die Frau im Nagelstudio hat immer mit ihr auf Niederländisch geredet. “Also bin ich jede Woche ins Nagelstudio gegangen. Das war mein Niederländisch-Unterricht!”

Die Familie schlägt vor, dass ich im Garten mein Zelt aufschlage. Platz gibt es dort genug. Wir gehen gegen 22:30 Uhr in eine Bar, gut besucht und mit DJ, wo ich mir den Luxus eines Hamburgers gönne. “Es gibt etwas, das du unbedingt probieren musst”, erzählt mir Agur. “Percebes heißt es (auf Deutsch Entenmuschel) und schmeckt köstlich”, schwärmt Agur. “Aber das Aussehen ist gewöhnungsbedürftig”, sagt sie. “Mein Mann rührt die Percebes nicht an!”

Ich nehme mir vor, in den nächsten Tagen Ausschau nach den berühmten Percebes zu halten. Vielleicht werde ich fündig!

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