Start in Oviedo

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Oviedo, Asturien

Ich sitze auf einer Bank am Bahnhof von Oviedo und schaue zu, wie Renfe Züge einfahren und ausfahren. Ich muss noch eine gute Stunde warten, bis mein Zug kommt, der mich nach Campomanes bringt, wo mein Wanderweg beginnt.

Menschen huschen an mir vorbei und ihre Rollkoffer machen auf dem grauen, gekachelten Boden ein rhythmisches klick-klack, klick-klack. Über mir spannt sich eine Decke aus massiven Stahlträgern und Kupferrohren, die im Licht der Neonlampen rötlich schimmern.

Ich mache mich heute auf den Weg zum Ausgangspunkt des Fernwanderwegs GR – 109, der die spanische Region Asturien einmal von West nach Ost auf einer Länge von 496 km durchquert. In den nächsten zwei Wochen habe ich mir die östliche Hälfte des Wanderweges vorgenommen.

Meine erste Nacht in Oviedo war gut. Das Sechsbettzimmer der Herberge „Green Hostel“ war voll belegt, insofern war auch die obligatorische Schnarchnase dabei. Vom nächtlichen Brettersägen abgesehen, habe ich aber sehr gut geschlafen und fühle mich frisch und erholt. Wie immer, trifft man in einem Hostel ganz unterschiedliche Gestalten. Diesmal waren viele junge Wanderer dabei, unter anderem aus Frankreich, England und Italien.

Giovanni aus Italien war seit drei Monaten zu Fuß unterwegs. Er wollte sich auf seiner Wanderung von Turin nach Compostella überlegen, was er studieren wollte.

Genève aus Frankreich wanderte neun Wochen auf dem Fischerpfad entlang der gesamten portugiesischen Küste. In einem kleinen, französischen Dorf in den Alpen machte sie eine Ausbildung als Konditorin, die sie um drei Monate unterbrach, um sich den Traum ihrer Wanderreise zu erfüllen.

Charity aus England hatte von allen Hostel Gästen den abenteuerlichsten Lebensweg hinter sich. Sie war in Devon in Armut aufgewachsen, noch in den Achtzigern hatte ihre Familie keine Toilette im Haus, sondern nur ein Plumpsklo in einem undichten Schuppen. Fast zehn Jahre arbeitete sie in London, bis sie entschied, all ihren Besitz zu verkaufen und seit nun fast 20 Jahren bei Freunden und in Hostels lebt.

Gerade überlegte Charity, nach Nordspanien zu ziehen. Nach sechs Jahren in Marrakesch vermisste sie das Grüne und eine Gesellschaft, in der sie als Frau den Menschen vertrauen konnte. „Die Gesellschaft in Marokko ist kaputt“, sagte mir Charity. „Es gibt keine Regeln, jeder denkt nur an sich und seine Familie.“ Zivilisation, sagte mir Charity, das gebe es dort (in Marokko) nicht. Nur das Recht des Stärkeren.

Marokko ist wie ein schlechter Freund, sagte Charity. Man bleibt in der Beziehung, weil es aufregend ist und manchmal auch schön ist, obwohl man weiß, dass die Beziehung nicht funktioniert. So blieb Charity sechs Jahre in Marokko…

Charitys Sicht auf Marokko war schon sehr pessimistisch. Ich möchte mal meinen Freund Matthew fragen, was er darüber denkt. Schließlich hat er auch sechs Monate in Marokko gelebt und gearbeitet.

Aber zurück nach Oviedo, denn hier gibt es viel Gutes zu berichten.
Oviedo besticht durch seine klassische Architektur und vor allem die blitzeblank geputzten Gassen. Nicht ohne Grund gilt Oviedo als die sauberste Stadt Spaniens. Viele Fassaden sind verziert, die Fenster der Gebäude sind hoch und elegant, und die Fensterrahmen sind häufig bunt, angestrichen, in leuchtendem Rot, hellem Blau oder dunklem Grün. Auf Balkonen aus kunstvoll geschmiedetem Gusseisen sitzen ältere Pärchen, trinken ein Glas Wein und schauen dem Treiben auf der Gasse zu.

Ein kleiner, gepflasterter Weg führt mich hinter der Kathedrale an dem archäologischen Museum vorbei und zu einer katholischen Frauenschule, wo die Schülerinnen ausgebildet werden, mit dem Ziel, eine „Maria Immaculada“ zu werden- eine „tadellose Maria“. Das jedenfalls verkündete eine bronzene Tafel am Eingang zum Gebäude. Was das genau bedeutet, wird auf dem Schild allerdings nicht erklärt.

Vor der Kathedrale der Stadt führt eine 20-köpfige Tanztruppe traditionelle Tänze der Region Asturien auf. Einfach so, nur aus Freude an der Kunst. Ich schaue eine halbe Stunde zu, zusammen mit etwa 100 anderen Menschen.

Ein kleines Mädchen mit einer roten Schleife im Haar, vielleicht zwei Jahre alt, will unbedingt mitmachen. Sie versucht die Tanzschritte nachzumachen, springt in die Luft, wedelt mit den Armen, und schließlich rennt sie einfach auf die Tänzer zu. Ihr Vater springt hinterher und fängt sie ein, und die Tänzer freuen sich, dass das kleine Mädchen so enthusiastisch ist. „Komm, Tanz mit!“, ruft der Anführer der Tanztruppe, und das kleine Mädchen tanzt und hüpft im Kreis.

Jetzt wird es einsamer werden. Es geht mitten ins Kantabrische Gebirge. 10 Minuten noch, dann fährt mein Zug.

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