Tag 16: Ein Schlüsseldieb

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Von Würzburg nach Rothenburg o.d. Tauber

Meine Fahrt in Würzburg beginnt mit einer Extraschleife. Ich bin schon am Main unterwegs, habe mich von Felix verabschiedet, als ich eine seltsame Beule in der Hosentasche spüre. Was ist das? Ich schaue nach und stelle fest: Oh, nein, es ist Felix Schlüssel! 

Also drehe ich noch einmal um und fahre zurück nach Würzburg. Dort übergebe Felix seinen Schlüssel und wir verabschieden uns ein zweites Mal. Jetzt habe ich glaube ich nichts mehr mitgenommen, nur schöne Erinnerungen.

Auf einer ehemaligen Eisenbahnstrecke, der so genannten Gaubahn, fahre ich in Richtung Rothenburg. Allerdings ist die Zugstrecke, die mittlerweile ein Radweg ist, nicht durchgehend geräumt. Also weiche ich auf die Landstraßen aus. Dicke Traktoren fahren an mir vorbei. Ansonsten schaue ich die weißen Äcker an, die sich ringsherum in alle Richtungen bis zum Horizont ausbreiten. Um 17:00 erreiche ich Rothenburg, höre mir das Glockenspiel zusammen mit einer Gruppe Touristen aus Japan an und fahre eine Schleife durch die historische Altstadt. Dann mache ich mich auf den Weg zu Felix Großeltern.

Im Haus von Felix Großeltern hängen etliche wunderschöne Aquarellzeichnungen. Und es werden immer mehr, denn jeden Mittwoch zeichnet Felix Oma: Vögel, Blumen, malerische Straßenzüge und vieles mehr entstehen auf dickem, cremefarbenem Aquarellpapier. So erblühen die Wände farbenfroh und es wird allmählich schwierig, Platz für die neuen Werke zu finden!

Felix Großeltern sind noch zu Besuch in Würzburg und deshalb habe ich das Haus zunächst für mich allein. Ich dusche mich, sortiere die Videos, die ich in den letzten zwei Wochen aufgenommen habe und wärme mir einen Linseneintopf auf, den mir Felix Eltern in Würzburg mitgegeben haben. Der Eintopf hat die Fahrt überlebt und selbst das Kopfsteinpflaster von Rothenburg haben die Linsen (und meine Tasche) überlebt.

Man glaubt es kaum, aber selbst im katholischen Bayern (das erzählt mir, Felix Opa später) gibt es einige protestantische Enklaven. Rothenburg ist so ein Beispiel. Von 12 000 Einwohnern sind nur 2000 katholisch. Und die sind erst nach dem zweiten Weltkrieg dazu gekommen.

Felix Opa, als junger kommunalpolitisch engagierter Jurist, der aber katholisch war, hatte es nicht einfach, als er sich auf den Posten das Stadtrats von Rothenburg bewarb. Damals sagte ihm ein Freund: Das brauchst du als Katholik gar nicht versuchen. 

Doch die Bewerbung klappte. In der entscheidenden Sitzung des Stadtrats, bei dem seine Personalie beschlossen wurde, war Felix Opa einfach ehrlich. Katholik sei er, ja, und auch Mitglied der jungen Union gewesen in Würzburg. 

Das war eine mutige Aussage, war doch der Oberbürgermeister von Rothenburg zu dieser Zeit ein SPD Politiker. Als der Gegenkandidat aber nur sagen wollte, er sei Mitglied einer demokratischen Partei – ohne dabei die Partei zu nennen – bekam Felix Opa trotzdem den Posten: mit einer Stimme Mehrheit. 

Was ist die Moral der Geschichte? Auch wenn die Chancen schlecht stehen, kann man es probieren. Und: Ehrlichkeit zahlt sich aus.

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