Von Rothenburg ob der Tauber nach Neckarsulm
Vier Jahre nach meiner Europa Tour, auf der ich auch die Etappe Rothenburg – Neckarsulm geradelt bin, bin ich wieder auf denselben Wegen unterwegs.
Wieder ist die Temperatur nahe bei 0°, wieder schneit es auf der Höhe hinter Rothenburg, und wieder gibt es Schneeregen im Tal, durch das die Kocher fließt. Wieder esse ich in einer Bäckerei, heute ein Stückchen und ein Laugenbrötchen (damals zwei Kuchenstücke). Es ist ein Déjà-vu.
Obwohl ich meine Tour spezifisch für ein Rennrad geplant habe, damit der Anteil geteerter und gestreuter Straßen möglichst hoch ist, führt mich mein Navigationsgerät mitten durch einen verschneiten Wald. Ich schiebe mein Fahrrad auf einer vereisten Piste zwischen dunkel lauernden Tannen hindurch. Ich passiere einige Waldarbeiter, die mit schwerem Gerät auf dem gefrorenen Boden unterwegs sind. Sie schauen mich belustigt an, sagen aber nichts.
In der Nähe von Künzelsau treffe ich einen Mann, der mein Fahrrad begeistert aus allen Winkeln betrachtet. Er trägt einen langen schwarzen Mantel, eine schwarze Mütze und hält einen geschnitzten Wanderstock in der Hand. Sein grauer Bart ist halblang geschnitten und auf seinen Händen erkenne ich einige Tattoos.
„Tolles Gefährt”, ruft er und fasst meine roten Taschen neugierig an. „Und da hast du wirklich alles dabei!”
„Ja, alles”, sage ich. „Kleidung, Zelt, Kocher.”
„Ha ha ha”, lacht der Mann plötzlich, und ruft: „Kocher! So heißt auch der Fluss hier. Kocher.”
„Ich bin der Joachim”, sagt der Mann. „Aber alle nennen mich hier Sam. Ich wohne da oben auf dem Berg. Hier stehen wir vor dem Würzburger Tor.”
Sam ist 45 Jahre alt.
Er war Schreiner, einen Schlaganfall habe er gehabt. Und Darmkrebs. Auf einmal öffnet er seinen Mantel und zieht sein T-Shirt hoch.
„Hier, schau, die Narbe, subkutane Wundheilungsstörung”, sagt er. „Scheiße ist das.”
Dann springt Sam zum nächsten Thema über.
„Wollen wir Nummern austauschen?”, fragt er.
„Ich heiße Joachim, eigentlich nennt mich jeder Sam”, wiederholt der Mann, was er mir schon einmal gesagt hat. Dann bückt er sich und zieht seine Hosenbein etwas nach oben.
„Heute habe ich mir ein neues Tattoo stechen lassen”, erzählt er mir.
Ich erkenne nicht wirklich, was es darstellen soll: Ein Schriftzug, und geometrische Formen?
„Ich bin in Neckarsulm verabredet”, entschuldige ich mich, als Sam anfängt, sich über den Preis seines iPhones zu beschweren.
„650€, so eine Frechheit”, ereifert er sich.
Man muss es sich ja auch nicht kaufen, denke ich mir. Aber ich sage nichts, möchte weiterkommen, der Schneeregen ist kalt.
Ich verabschiede mich und fahre noch etwa 40 Kilometer an der Kocher entlang, dann geht es über einen kleinen Hügel nach Neckarsulm. Es ist gerade dunkel geworden, als ich in den Steppachweg einbiege. Das Küchenfenster bei Marcus und Jutta leuchtet schon einladend. Als ich die Tür öffne, weht mir der verführerische Duft von einer köstlichen Bolognese entgegen.
Eigentlich hat Marcus die Bolognese schon am vergangenen Donnerstag vorbereitet – heute ist Dienstag. Aber da ich in Usingen eingeschneit wurde und so einige Tage länger bei Oma und Opa geblieben bin, bin ich dementsprechend auch erst später in Neckarsulm.
Aber das sei ja kein Problem, meint Marcus. Eine Bolognese kann man wunderbar einfrieren und dann hat sie noch Zeit, um etwas durchzuziehen. Jedenfalls schmeckt die Bolognese ausgezeichnet und ich esse mit großem Appetit.
Später am Abend erklärt Marcus mir die Feinheiten des Sauerteigs, eine Kunst für sich. Ein Tipp: Am besten mischt man zum Start zu je gleichen Teilen Weizen-, Roggen- und Dinkelvollkornmehl. Das bietet am meisten Futter für die Hefen.

