Tag 19 & 20: Vom Allgäu nach München

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Nach dem Ruhetag bei meiner Tante und einigen kleinen Reparaturen am Rad funktionieren meine Bremsen wieder einwandfrei und meine Kette ist auch wieder gespannt. Wir lassen den Tag gemütlich angehen, denn bis zu meinem nächsten Stopp in Starnberg sind es nur 70 Kilometer. Ich bleibe noch zum Mittagessen bei meiner Tante – es gibt eine große Portion Nudeln mit Erdnusssoße.  Gegen 15:00 Uhr montiere ich meine Taschen und steige aufs Rad. Ein kräftiger, warmer Rückenwind pustet mich die sanft rollenden Hügel hoch.

In Starnberg, etwa dreißig Kilometer von München entfernt, werde ich Bernhard und seine Frau Claudia treffen. Wir kennen uns noch nicht, aber meine Oma hat mir erzählt, dass Bernhard mit seiner Frau auch viel gereist ist. Mit Bernhards Eltern verbindet meine Großeltern eine lange Freundschaft. Als Kind war er oft bei meinen Großeltern zu Besuch, erzählt mir Bernhard später, und erinnert sich noch heute an die Kochkünste meiner Großmutter.

Aber noch bin ich nicht in Starnberg. Schon nach dem ersten Anstieg ziehe ich meine Windjacke aus und fahre nur im langärmeligen T-Shirt. Die Temperaturen sind absolut frühlingshaft. Auf einer wenig befahrenen und glatt geteerten Landstraße radle ich parallel zum Alpenkamm. Der Rückenwind ist so stark, dass ich auf den flachen Passagen problemlos mit 30 bis 40 Stundenkilometern vorankomme. Die Landschaft fliegt an mir vorbei: Dichte grüne Tannenwälder, moorige Wiesen, auf denen der Schnee taut, sprudelnde Bäche, die das Schmelzwasser in einen der vielen Seen des Alpenvorlands führen.

Im kleinen Ort Rottenbuch fahre ich am Lieblingskirchturm meiner Großtante vorbei: die Fenster und die Sonnenuhr darunter bilden mit ein wenig Fantasie ein lächelndes Gesicht.

Hinter Rottenbuch führt mich eine steile Straße hinunter in eine Schlucht. 12 Prozent Gefälle, steht auf einem Schild geschrieben.  Auf der anderen Seite geht es genau so steil nach oben. Nach wenigen Minuten des Kletterns, tropft der Schweiß von meiner Nasenspitze. Puh, ganz schön warm! Ich kann kaum glauben, dass es vor wenigen Tagen hier noch -20° hatte.

Nach gerade einmal zweieinhalb Stunden erreiche ich den Starnberger See. Die letzten 20 Kilometer fahre ich in die Dämmerung hinein. Mir begegnen einige Spaziergänger mit Hunden, aber sonst ist kaum jemand auf meinem Weg unterwegs. Um 18:20 erreiche ich den Bahnhof von Starnberg, pünktlich, um Bernhard zu treffen und die letzten Kilometer zum Haus gemeinsam zu radeln. Ein letzte steile Rampe noch, dann sind wir da. Ich hake meine Taschen aus und stelle das Fahrrad in die Garage, die wie bei uns auch voll mit Fahrrädern ist. Das ist mir auf Anhieb sympatisch! An der Wand hängt ein altes Tourenrad – „Mit dem bin ich um die halbe Welt gefahren“, lächelt Bernhard.

Bernhard und Claudia laden mich zum Wirt ein: Auf der Karte stehen viele Gerichte, aber es bewahrheitet sich, was Bernhard schon gleich am Anfang sagt: Am Ende landet man immer beim Schweinsbraten mit Sauerkraut. Der Braten schmeckt auch schön knusprig und ist genau das, was ich nach dem Radfahren brauchte.

Wir unterhalten uns über unsere Familien, und wie meine Großmutter damals als junge Lehrerin Bernhards Eltern kennenlernte. Schön, wenn eine Verbindung über so lange Zeit bestehen bleibt. 

Wir kommen auf das Reisen und die Möglichkeiten der Kommunikation zu sprechen, die es heute gibt. Bernhard und Claudia sind auch viel gereist, aber früher waren Anrufe aus dem Ausland teuer, und dann hieß es: No news is good news.

Ob es denn gut sei, auf einer Reise immer erreichbar zu sein? Ob man so jemals richtig loslassen könne?, fragt Claudia. Eine gute Frage. Haben die heutigen Möglichkeiten der Kommunikation den Charakter des Reisens verändert? Es ist ja möglich geworden, in die entlegensten Gebiete zu reisen, ohne jemals von zuhause abgeschnitten zu sein. Da sich mittlerweile fast jeder an den regelmäßigen Kontakt gewöhnt hat, sind die Sorgen oft größer, wenn mal für eine Woche keine Nachricht kommt. No news ist auf einmal bad news.

Wahrscheinlich ist durch die Kommunikationsmöglichkeiten die Hürde zu einer großen Reise kleiner geworden. Ich kann zuhause anrufen, wenn ich Heimweh habe. Ich bin nicht mehr dazu gezwungen, mich mit meiner Umgebung zu beschäftigen, wenn ich auch in einer anderen, digitalen Umgebung Zuflucht suchen kann. Ich muss mich nicht mehr so sehr mit mir selbst beschäftigen, weil ich immer jemanden erreichen kann, der mich ablenken kann.

Vielleicht ist es dadurch schwieriger geworden, unterwegs loszulassen und unabhängig zu werden, sich frei zu entfalten und sich voll und ganz auf seine neue Umgebung einzulassen. Andererseits habe ich zu jeder Zeit die Wahl, es anders zu machen. Keiner zwingt mich, mich jeden Tag zu melden. Also tue ich es auch nicht. Ich entscheide selbst, wann ich die Reise und wann ich Zuhause priorisiere. Vielleicht ist das der Unterschied zu früher – da musste ich diese Entscheidung nicht treffen. Die Menschen zuhause wussten seltener, was Sache war. Und wer weniger weiß, muss mehr vertrauen. War bestimmt auch nicht einfach, aber hat sicherlich die Gelassenheit geschult.

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