Tag 21-26: Ein Sammelfreudiger König

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Sonntag, 11:00, Marco und ich sind auf dem Weg zum Englischen Garten. Wir haben unsere Schwimmsachen dabei, und auch Begleitung haben wir mitgebracht. Mein Bruder Pascal, der auch in der Nähe von München arbeitet, ist mit seinem Freund Diego ebenfalls dabei. Diego kommt aus Ecuador und ist vor 13 Jahren in München gelandet, weil die Stadt die perfekte Kombination aus Bergen, Ausgehmöglichkeiten und Arbeitgebern bietet. Inzwischen hat er einen Doktortitel und ist echter Münchner geworden. „Eine bessere Stadt gibt es nicht“, sagt mir Diego. „Komm doch auch hierher, Lukas“.

Tatsächlich war ich vorher noch nie in München. Der erste Eindruck gefällt mir, viele Parks und Grünflächen. Die Olympiasportstätten sind super, und es gibt genug Vielfalt, dass die Stadt interessant ist. Man merkt schon, dass in der Innenstadt ein eher gehobenes Klientel unterwegs ist, aber Kaffee für 5 Euro findet man auch zuhause in Münster. Die Museen sind auch spannend – einige davon möchte ich in den nächsten Tagen noch besuchen.

Am Eisbad sind schon ein gutes Dutzend Personen versammelt. Einige sitzen auch schon im kalten Wasser. Man muss in die Hocke gehen, da das Wasser ansonsten nur bis zu den Oberschenkeln reicht. Wir gesellen uns dazu. Marco ist schon bekannt, die Eisbadenden sind eine eingeschworene Gemeinschaft. Einer in der Gruppe hat den legendären Rekord von 40 Minuten im kalten Fluss aufgestellt. Das Eisbaden, erzählt er, habe ihn über eine schwere Phase im Leben hinweggeholfen. Den meisten reicht es nach fünf Minuten. Pascal, Diego und mir auch. Vom Rand schauen wir zu, wie Marco im eisigen Fluss ausharrt. 10 Minuten, 12 Minuten, 15 Minuten. Er schafft es. Für den Eiskilometer, den Marco in einigen Wochen bei einer Wassertemperatur von unter 5 Grad schwimmen will, muss er abgehärtet sein. Das Problem sei eigentlich nicht die Kälte, sondern dass man Hände und Füße nicht mehr spüren kann und deshalb ineffizienter schwimmt, sagt Marco.

In den folgenden Tagen laufe ich kreuz und quer durch München und schaue mir die Stadt und die Museen an. Ich gehe zweimal im Olympiabecken schwimmen und steige hoch auf den „Alten Peter“, ein Kirchturm im Stadtzentrum, von dem man bis hin zu den Alpen blicken kann.

In der sogenannten Glyptothek schaue ich mir die Griechische und Römische Skulpturkunst an, die König Ludwig I von Bayern gesammelt hat. Dank seiner guten Kontakte nach Italien und ins napoleonische Frankreich konnte der bayerische Monarch viele begehrte Kunstschätze erwerben und häufte eine der hochwertigsten Sammlungen griechischer Skulpturen nördlich der Alpen an. Ludwig I wusste, dass er über die Masse an Gegenständen nicht mit Paris und London konkurrieren konnte, also kaufte er weniger, dafür aber in der besten Qualität.

Was heute als Kulturschatz gilt, hat aber nicht immer alle begeistert. So schreibt Max Josef, der Vater von Ludwig I, über die Sammelbegeisterung seines Sohnes in einem Brief: „Mein verrückter Sohn will wieder Geld ausgeben, dessen bin ich mir sicher, um alten Plunder zu kaufen, und er hofft, dadurch Griechen und Römer aus dieser Rasse von Biertrinkern zu machen“. Biertrinker sind die Bayern geblieben, aber vielleicht ist mit den Skulpturen doch ein mediterraner Geist in die Stadt eingezogen.

Statuen in der Glyptothek

Gegenüber von der Glyptothek, im Antiquitätenmuseum, bestaune ich allerlei kunstvoll gefertigte Vasen aus Griechenland. Die Abbildungen auf den Gefäßen erzählen von Götter- und Heldensagen, dem Trojanischen Krieg und sind auch eine wichtige Quelle für die Kostüme im Film Troja gewesen – als auch für die Erforschung der griechischen Lebenswelt im Allgemeinen. Die meisten der Keramikstücke in der Sammlung wurden übrigens in Italien gefunden: Die dort im 5. Und 6. Jahrhundert v. Chr. lebenden Etrusker importierten die Keramik in großen Mengen. Als Grabbeigaben haben die fragilen Kunstwerke die Jahrtausende überstanden. (Vase im archäologischen Sinne beschreibt übrigens mehr als nur das Gefäß für die Blumen – der Begriff leitet sich ab vom italienischen „vasi“, der sich auf alle Formen von Gefäßen bezieht.)

Der Goldschmuck im Antiquitätenmuseum ist auch atemberaubend. Aus feinstem Golddraht und winzigen Goldperlen haben die Menschen vor zweieinhalbtausend Jahren ganze Diademe, Armreife und Ohrenschmuck hergestellt. Das niemals verblassende Gold stellte eine Verbindung zu den Gottheiten, dem Unvergänglichen und besonderen Qualitäten der dargestellten Figuren her. Wer zum Beispiel Ohrringe mit einem Bild des Liebesgottes Eros trug, hatte Anteil an dessen göttlicher Macht. Vielleicht wäre das ja was gewesen für die Joggerin am Starnberger See, die vor allen anderen Spaziergängern ihren Beziehungsstreit ausgetragen hatte…

Auch das BMW-Museum lasse ich mir nicht entgehen. Das Museum steht direkt neben der BMW-Zentrale und wird wegen seiner Form auch gerne mit einer Salatschüssel (oder einem Weißwurstkessel) verglichen.

Die “Salatschüssel”

Ich lerne im BMW-Museum einen 25-jährigen Peruaner kennen, der aus Chiclayo im Norden des Landes stammt. Er heiße Jordan, und sein großer Traum sei, bald einen BMW zu fahren, erzählt er mir.

„Ich habe neben dem Studium bei einem Chinesen gearbeitet, der Autoteile nach Peru importierte. Irgendwann dachte ich, dass ich das auch selbst kann.“

Jetzt verkauft Jordan Ersatzlichter und Karosserieteile von japanischen und chinesischen Autoherstellern in Peru. „Aber natürlich wäre ich gerne Importeur für BMW“. Jeden Tag komme er seinem Ziel ein Stück näher. Sein Cousin habe ein Restaurant in Barcelona und wisse, dass er hart arbeite. Deshalb habe er ihm das Startkapital beschafft.

„Die Geschäfte laufen gut“, meint Jordan. „Meine Wohnung ist mein Lager, aber bald brauche ich mehr Platz.“ Eine Website hat er noch nicht – der Vertrieb läuft über Whatsapp, Facebook und TikTok.

Jordan ist von Deutschland begeistert. „Das dauert noch 100 Jahre, bis wir in Peru so weit sind“, meint er. „Der öffentliche Nahverkehr ist fantastisch“, schwärmt er. Nur das Wetter finde er zu kalt, meint Jordan, und zeigt mir Fotos, wie er in Berlin im Schneetreiben steht.

„Tja, so ist eben der deutsche Winter“, lache ich.

„Wenn du jemals nach Chiclayo kommst, ruf mich an“, sagt Jordan. „Dann zeige ich dir unsere Strände.“

Dass Radfahren Spaß macht, konnte Jordan nicht glauben. Aber auf diesem Motorrad würde er fahren.

Insgesamt bin ich sechs Tage in München. Nach zwei Übernachten bei Marco komme ich für die nächsten drei Tage bei Jack unter und anschließend noch eine Nacht bei Diego. Ich glaube es gibt keine andere deutsche Stadt, in der so viele von meinen Freunden gelandet sind. Morgen geht es weiter auf’s Land, nach Arnstorf, zu meinem Bruder Pascal.

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