Freitagmorgen, 10:00. Der Himmel ist grau und wolkenverhangen, doch durch einige Lücken in der Wolkendecke dringen vereinzelte Sonnenstrahlen hindurch. Meine heutige Etappe hat 125 Kilometer und führt mich größtenteils auf Landstraßen nach Arnstorf, ein kleines Dorf mit einer großen Baufirma, wo mein Bruder Pascal wohnt.
Der Wind weht von hinten, und so kann ich gut Tempo machen: mein Durchschnitt ist beständig über 20 Km/h. Die Temperatur ist sehr angenehm, sodass ich nicht einmal meine winddichten Überzugsschuhe brauche, die meine Zehen vor dem Einfrieren schützen (ich fahre nach wie vor mit Sandalen).
An einer Apotheke zeigt die Tafel: 6° Temperatur, doch mit dem Rückenwind fühlt es sich wesentlich wärmer an. Am Horizont sind die Alpen durch den Föhneffekt stark vergrößert, so dass die Berge, obwohl sie weit über 50 Kilometer entfernt sind, viel näher zu sein scheinen.
Ich fahre an einem guten Dutzend Bienenkästen vorbei, als es auf einmal dicht neben meinem Ohr summt. Eine Biene hat sich in dem Kinngurt von meinem Helm verfangen und schafft es nicht, sich zu befreien. Vorsichtig löse ich die Schnalle am Helm und motiviere die Biene mit einem kleinen Stoß, davon zu fliegen. Ein schmerzhafter Bienenstich bleibt mir zum Glück erspart.
Etwa eine Stunde später erreiche ich ein kleines Dorf, an dessen Eingang ein Schild steht: Partnerstadt West Chicago. Handelt es sich um dasselbe Chicago am Lake Michigan, nicht weit entfernt von dem Ort, an dem ich viele Jahre lebte? Ich werde es nachschauen.
Tatsächlich ist West Chicago ein Bezirk der Metropole Chicago. Ursprünglich hieß der Ort mal „Town of Junction“, also übersetzt Dorf der Kreuzung. Der Name war leicht hergeleitet, denn hier kreuzten sich eine westwärts und eine südwärts verlaufende Eisenbahnlinie. Was der Wikipedia-Leser drüber hinaus über West Chicago erfährt, ist dass dort bis 1991 eine aktiv genutzte ein-Zimmer Schule stand. Es war die letzte im ganzen Bundesstaat Illinois.
Ich mache eine Pause, während ich West Chicago nachschlage. Ein älterer Herr in einem Wohnmobil fährt langsam vorbei, die langen weißen Haare nach hinten zu einem Zopf gebunden. Seine Augen sind hinter einer großen Sonnenbrille verborgen. Mit der einen Hand hält er das Lenkrad, mit der anderen eine Pfeife, an der er genüsslich pafft. Der Auspuff am Wohnmobil qualmt fast genauso, fort ist die frische Landluft.
Weiter geht’s. Auf den grünen Feldern links und rechts des Weges tummeln sich außergewöhnlich viel Schwäne. Sie sitzen in Gruppen von bis zu 20 Tieren auf dem Acker und verspeisen genüsslich den Kohl. Es ist das erste Mal, dass ich ein solches Verhalten bei Schwänen beobachte. Meistens fressen sie doch die Algen und Wasserpflanzen aus den Seen und Flüssen. Bei einem so reichen Buffet an Feldpflanzen haben die Schwäne vielleicht keine Lust mehr gehabt auf ihre übliche Kost. Das Angebot schafft die Nachfrage, besagt in der Volkswirtschaft das Say’sche Theorem. Das gilt wohl auch für Schwäne.
Eine Stunde komme ich in Arnstorf an. Pascal wohnt dort in einer Wohnung in einem alten, gelb verputzten Bahnhofsgebäude. „Strukturell sind das gute Bauten“, sagt er mir. „Die Bahn hatte früher Geld, das merkt man an den alten Bahnhofsgebäuden.“
Ich lade meine Taschen ab und wir gehen nochmal einkaufen. Pascal verwöhnt mich mit Lachstagliatelle – während er kocht (es passt nur einer in die Küche), blättere ich durch ein Fotobuch von Sebastiao Salgado, dem legendären brasilianischen Fotografen. Genesis, Schöpfung, heißt der Bildband, eine Hommage an die Tiere, Landschaften und Völker dieser Welt. Jahrzehntelang hielt Salgado Kriege, Leid und Elend mit seiner Kamera fest, Licht und Schatten kommen so eindrucksvoll in seinen Fotos zur Geltung, thematisch dominierte aber fast nur der Schatten. Daran ist Salgado fast zerbrochen. Im Bildband Genesis macht er es anders, zeigt die Schönheit und die Wunder der Natur, die Vielfalt der Lebensformen und Naturräume. In den Bildern kann ich mich verlieren, und obwohl alle Aufnahmen in Schwarz und Weiß gehalten sind, fehlt mir nichts. Eine kleine Biografie von Salgado, auf Französisch geschrieben (Salgado lebte bis zu seinem Tod in Paris), nehme ich als Lesestoff für die kommenden Tage mit. Morgen, Samstag, werde ich aber noch in Arnstorf verbringen und mit Pascal eine Wanderung machen. Arnstorf ist mein letzter Stopp in Deutschland: Danach werde ich nach Österreich fahren. Vorher muss ich aber noch eine wichtige Entscheidung treffen, aber das werde ich heute Abend in Ruhe mit Pascal diskutieren.

