Montag der 19.01.2026
Zündorf am Rhein – Koblenz (88,2 Km; 242 Höhenmeter)
Kurz vor der Dämmerung wache ich auf. Mein Schlafsack fühlt sich feucht und klamm an. Ich schleiche kurz raus. An meinem Olivgrünen Außenzelt kleben tausende Wasserperlen, die im Schein meiner Stirnlampe glänzen. Die hochgewachsenen Erlen am Rheinufer heben sich gegen einen schnell heller werdenden, bleigrauen Himmel ab. Die Kälte kriecht unter meine Jacke. Schnell zurück ins Zelt.
Ich schlüpfe wieder in meinen kaltwerdenden Schlafsack und wälze mich nochmal eineinhalb Stunden in einem unruhigen Schlaf hin und her. Die frühen Jogger und Hundegänger laufen schon an meinem Zelt vorbei, aber keiner klopft an. Um neun schäle ich mich zum zweiten Mal aus meinem Schlafsack. Jetzt packe ich meine Sachen zusammen, bereite ein Hafer-Früchte Müsli mit heißem Wasser zu (mein Kocher braucht wieder eine halbe Ewigkeit) und schwinge mich um kurz vor zehn auf meinen schwarzen Gummisattel.
Meine beiden großen Touren durch Europa und Südamerika absolvierte ich beide auf einem Ledersattel. Jedoch stellte ich in Südamerika fest, dass mein Ledersattel immer mehr in eine Richtung kippte, und mein Becken dadurch in eine Schieflage kam. Deshalb bin ich auf dieser Tour mit einem Kautschuksattel unterwegs, der ähnlich wie ein Ledersattel federt und, so jedenfalls meine Hoffnung, ähnlich bequem zu fahren ist. Nach zwei Tagen kommt er noch nicht ganz an den Komfort eines Sattels aus Leder heran, aber ich werde dem Sattel und meinem Hintern noch etwas Zeit geben, sich besser kennenzulernen.
Die heutige Etappe führt nach Koblenz, wo ich bei Ruth und Stefan übernachten werde. Die beiden sind alte freunde meiner Eltern, die sie gegen Ende der Neunziger in England kennenlernten.
Die Fahrt am Rhein entlang ist gemütlich. Nur die vielen Wurzeln, die die Teerdecke des Radweges hochheben, erfordern ständige Aufmerksamkeit. Nach drei Stunden stehe ich in Bonn und schaue zu, wie ein Schiff von Viking Cruises unter der Rheinbrücke hindurchfährt. Hinter Bonn fahre ich an den Villen von Bad Godesberg vorbei. In einem besonders prachtvollem, weiß angestrichenem Anwesen residierte zu Zeiten der BRD der britische Botschafter. Einer Tafel an der Mauer der Residenz zufolge, übernachtete sogar die britische Königin Elizabeth II mehrfach in der Villa. Sie habe ihre Aufenthalte stets sehr genossen, hält die Tafel fest.
Die verbliebenen sechzig Kilometer nach Koblenz vergehen wie im Flug. Ich fahre neben der Bahnstrecke her. Immer wieder rauschen Passagier- und Güterzüge an mir vorbei.
In Koblenz werde ich sofort warm empfangen. Das letzte Mal zu Besuch gewesen, war ich im Juni 2021, als ich während einer kleinen Ruhephase der Coronapandemie den Mosel-Radweg fuhr.
Diesmal hatten Ruth und Stefan eine besondere Idee – eine Whiskeyprobe! Stefan hatte nämlich eine sehr zur Reise passende Flasche im Schrank entdeckt. Ein Whiskey des Herstellers Linie, aus Norwegen. Während des Reifeprozesses hatten die Fässer in Schiffen gelagert und waren dabei über den Äquator und wieder zurück gesegelt.
„Du wirst auf deiner Reise auch den Äquator überqueren“, sagte Stefan, „und wir hoffen natürlich, dass du wohlbehalten wieder zurückkehrst, damit wir noch einmal zusammen anstoßen können!“
Darauf hoben wir unsere Gläser. Mir war es bis zu diesem Moment nie durch den Kopf gegangen, aber es wird das erste Mal sein, dass ich auf meinem Fahrrad den Äquator überquere. Der Tanganjikasee, an dem Hieronymus wirkte, liegt nämlich nur wenige hundert Kilometer südlich des Äquators. Und dorthin bin ich unterwegs.

