Dienstag der 20.01.2026
Koblenz – Bad Kreuznach (92,6 Km; 261 Höhenmeter)
Ich starte in Koblenz um die Mittagszeit. Mein heutiges Ziel ist Bad Kreuznach. Dort werde ich meinen Großonkel Diethelm und seine Frau Hildegard besuchen und einen Tag bei ihnen blieben.
Stefan hatte zuvor mein Fahrrad aufmerksam begutachtet und festgestellt, dass einer meiner Bremskolben sich etwas schwerfällig bewegte und, was mich noch mehr besorgte, dass meine Rohloffnabe inkontinent war. Auf dem grauen Kachelboden der Garage waren eindeutig einige Tropfen Öl zu sehen, die aus der Nabe stammen mussten.
Nach einer kurzen Internetrecherche stelle ich fest, dass inkontinente Rohloffnaben nicht ganz selten sind und dass ein geringer Ölverlust die Nabe nicht beeinträchtigen sollte. Ich werde dennoch mein Auge darauf behalten. Um die Bremse werde ich mich bei meinen Großeltern kümmern, die ich in wenigen Tagen in Usingen im Taunus erreiche. Ich hoffe, dass meine „Experimente“ nicht nach hinten losgehen. Auf den ersten Kilometern in Richtung Bad Kreuznach überlege ich, ob es ein Fehler war, nicht einfach auf eine altbewährte Kettenschaltung zu setzen. Doch es ist zu früh, darüber etwas zu sagen. Ich darf gespannt sein, wie das Experiment ausgeht. Zumindest habe ich Freude daran, mal etwas Neues am Rad auszuprobieren.
Kurz hinter Koblenz fahre ich an der berühmten Marksburg vorbei, die ab dem 13. Jahrhundert einen Rheinübergang sicherte und die einzige Burg am Mittelrhein ist, die nie zerstört wurde. Mit meinen Großeltern war ich mehrfach auf der Burg und ich erinnere mich an den herrlichen Blick ins Rheintal. Am spannendsten für mich als Kind war es, die Züge im Tal zu beobachten. Die blauen Loks fand ich immer am coolsten.
Heute schaue ich nur von unten zur Burg hinauf. Auf dem Berg dahinter ragen drei rauchende Schornsteine in den Himmel. Sie gehören zu der Blei- und Silberhütte Braubach, wo fast 300 Jahre lang Blei-, Silber- und Zink-Erze verarbeitet, die in der Region abgebaut wurden. Heute sind es alte Akkus, die in den Anlagen verwertet werden.
Auf der Weiterfahrt komme ich noch an etlichen weiteren Burgen vorbei, von denen ich die Namen nicht kenne. Eine erkenne ich jedoch sofort: die unverwechselbare Burg Pfalzgrafenstein, die auf einem Felsen mitten im Rhein sitzt. Wie viele andere Burgen auch, war diese eine Zollburg und kontrollierte den Schiffsverkehr auf dem Rhein. Seit über 200 Jahren leben nunmehr keine Menschen auf dem Felseiland.
Ich fahre vorbei am Schieferfels der Loreley. Über mir ziehen sich immer dichtere graue Wolken zusammen, während ich versuche, mich an die Verse von Heinrich Heines „Die Loreley“ zu erinnern. Sie fallen mir nicht mehr ein, und auch keine Jungfrau mir goldenem Haar singt für mich, nur das leise Summen meiner Kette höre ich.
Gegen 16:30 erreiche ich die Mündung der Nahe. Jetzt sind es nur noch 25 Kilometer zu Diethelm und Hildegard in Bad Kreuznach. Auf dem glattgeteerten Radweg im Flusstal rolle ich ohne große Anstrengung ans Ziel. Es ist schon dunkel und kalt, als ich die Klingel an der Tür meines Großonkels drücke. Kurz darauf öffnet sich die Tür und ich werde warm begrüßt.

