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Tag 49: Zurück an die Arbeit

9:30

Eben habe ich mich verabschiedet, und jetzt sitze ich im Sattel. Eine Woche lang musste mein Tourenrad auf diesen Tag warten. Jetzt ist es so weit: von Barcelona geht es nach Manresa. Es wird ein weiterer wunderschöner Tag, mit Temperaturen, die fast an die 30°C kommen. Es geht direkt gut los: ich muss ein steilen Berg an der Küste erklimmen. Schon nach zehn Minuten tropft mir der Schweiß in die Augen. Doch Schweiß, Blut und Tränen werden oft belohnt, so auch meine. Ich erhasche einen letzten Blick auf die Metropole Barcelona.

Es fühlt sich gut an wieder auf dem alten Drahtesel zu sitzen. Mit einem Rennrad kann er nicht mithalten, dafür bringt mein altes Kettler Alu-Rad andere Qualitäten mit. Es ist unkaputtbar (wobei man mit diesem Begriff vorsichtig sein sollte: die Titanic galt schließlich auch als unsinkbar). Ruppige Schotterpisten, salzige Meeresluft und sandige Wege können ihm nichts anhaben. Auf über 6000 km mit Gepäck habe ich keinen einzigen Platten oder sonstige relevante Pannen gehabt. Das habe ich bisher mit keinem anderen Fahrrad geschafft, und ich frage mich jeden Tag, ob das Glück ist oder am Fahrrad (bzw. Reifen) liegt. Wahrscheinlich ist es eine Kombination aus beidem.

Auf meiner 85 km langen Strecke sind 1750 Höhenmeter zu erklimmen, teils auf geteerten Straßen und teils auf Schotter. Zunächst fahre ich noch durch viele Industriegebiete. Im Gegensatz zu dem Klischee, dass Spanien nur Obst und Gemüse produziert, werden alle möglichen Güter von Medizintechnik bis hin zu Autoteilen hergestellt. Spanien hat überraschend viel Industrie hier in der Gegend.

Sobald ich in den Nationalpark hineinfahre, bin ich umgeben von rötlichen Felsen und Kiefernwäldern. Einen Pass auf 870 m geht es hoch, danach wartet eine kurvenreiche Abfahrt. Auf Schotterpisten geht es die letzten 20 km nach Manresa, wobei sich Komoot (das „Google Maps“ der Radfahrer und Wanderer) einen ungewöhnlichen Planungsfehler leistet und mich einen steilen Abhang hinabstürzen lassen möchte. Mit Wanderschuhen vielleicht möglich, mit einem voll beladenen Fahrrad tödlich.

In Manresa stocke ich noch einmal Proviant für den nächsten Tag auf, denn dann muss ich 110km fahren bis zu meinem nächsten Gastgeber in Ponts. Vermutlich wird es bei diesen Temperaturen aber gar nicht so sehr auf die Nahrung ankommen, sondern darauf genügend Wasser dabei zu haben.

Doch diese Nacht bleibe ich in Manresa, dort treffe ich auch meine Gastgeberin Laura. Laura wohnt mitten in der Stadt in einer Wohnung, zusammen mit ihren zwei Hunden. Sie ist Sozialarbeiterin und reist gerne. Ihr Büro hat sich kurzerhand in mein Schlafzimmer verwandelt. Bis jetzt haben wir allerdings nur kurz geredet, da Laura gleich nach meiner Ankunft zu einem Kurs musste.

„Was machst du für ein Kurs?“, frage ich Laura als sie zurückkommt. „Ich mache einen ‚Mindfulness-Kurs‘“, erklärt Laura. Mindfulness lässt sich in etwa mit Achtsamkeit übersetzen. Laura erklärt es so: „wir machen in dem Kurs Entspannungsübungen und versuchen genau auf die innere Gefühlslage zu achten. Für mich ist das ein sehr wichtiger Kontrast zum hektischen Alltag.“

In der Schule ist sowieso immer viel los und zu Hause sind die Hunde. Lauras neun Jahre alter Golden Retriever heißt Rita und verkörpert die absolute Gelassenheit. Neo, der zweite Hund, ist ein vier Monate alter „Pastor“, also ein spanischer Hirtenhund.

Stillsitzen hat Neo noch nicht gelernt: er flitzt durch die Wohnung wie eine Rakete und sucht überall nach Beschäftigung. Immer wieder versucht er Rita zu animieren, mit ihm zu spielen. Doch das schlägt meistens fehl, da Rita nur schlafen möchte und Neo eiskalt ignoriert.

Während wir also diesem Hundeschauspiel zuschauen, frage ich Laura, was für Gäste sie normalerweise habe. „Das sind viele Camino reisende“, sagt sie. „Leute aus Deutschland, Frankreich und Spanien, aber auch einige aus den USA. Das ist dann immer ganz besonders lustig, weil es ja in den USA viele Dinge, die hier selbstverständlich sind, gar nicht gibt.“

Ich werfe nur ein Stichwort ein: „Bäckereien…“

„Ja“, Laura legt gleich mit einer Geschichte los. „Ich hatte hier mal eine Amerikanerin, die die Bäckerei nebenan entdeckt hatte. Sie ist den Jakobsweg gelaufen und hatte nach einem langen Wandertag viel Hunger. Als sie zu mir in die Wohnung kam bemerkte ich, dass ihr ganzer Rucksack bis oben hin mit Sachen von der Bäckerei gefüllt war. Ich fragte sie darauf: ‚Kannst du das denn überhaupt alles essen?‘. Da erzählte mir die Amerikanerin, dass es so was in den USA gar nicht gebe, und sie sich deshalb jedes Mal bei den Bäckereien eindecke, was das Zeug hält.“

Laura stellt mir dann eine Frage, die ich zunächst nicht verstehe. „Conoces los persianes?“ Ich verstehe zuerst Kennst du Perser?, Doch dann deutet Laura auf den Rollladen vom Fenster. „Ja natürlich“, antworte ich. Laura scheint überrascht zu sein und hakt nach: „Nutzt man denn in Deutschland auch Rollläden?“

„Ja, das ist bei uns relativ üblich.“

„Meine Gäste aus England, Holland, Frankreich und USA kannten das nämlich gar nicht. Ich musste ihnen erklären, wie man die Rollläden bedient, weil sie vorher noch nie so etwas gesehen hatten.“

Schon interessant. Nie hatte ich Rollläden als besonderes Kulturgut abgespeichert. Für mich waren sie immer selbstverständlich – doch offensichtlich ist das für selbstverständlich Gehaltene für andere Länder und Menschen oft eine Besonderheit. Das Besondere ist auch im Alltäglichen zu finden. Der Satz wird rauf und runter geleiert, doch erst im Kontakt mit anderen Reisenden bekommt er für mich klare Konturen.

Wie Hannah Arendt einst von der Banalität des Bösen sprach, könnte man ebenso von der Banalität des Besonderen reden. Aus der Perspektive eines Fremden wird so etwas Banalem wie ein Rollladen großes Interesse entgegengebracht, und ich kann drei Absätze dazu schreiben. Vielleicht ist es also ab und zu eine Überlegung wert, mit der Neugier eines Fremden seine altgewohnte Umgebung zu betrachten.

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