Tag 59: Weiterfahrt & Glücksbringer im Zug

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Der Frühling ist da, die Sonne scheint und die Kirschblüte hat begonnen. Die Insekten summen wieder und auch meine Fahrradtour nach Afrika geht weiter. In den letzten Wochen habe ich gesehen, dass das Medizinsystem in Deutschland auch ziemlich schnell sein kann. Nach etwas über zwei Wochen hatte ich alles an der Leiste abgeklärt, von Bluttest bis MRT. Fazit: Es ist nichts Ernstes, ich kann meine Tour fortsetzen.

Nun fahre ich mit dem Zug nach Süden, denn mein Fahrrad und Gepäck habe ich ja bei meinem Bruder in der Nähe von München stehen lassen. Was ist das für ein schönes Gefühl, wieder unterwegs zu sein! Die grünen Felder und Wiesen ziehen an mir vorbei. Der Morgentau bedeckt noch die Grasspitzen und millionenfach funkeln die kleinen Wasserperlen in der Morgensonne. Eine Gruppe von Rehen äst neben den Gleisen. Ihre Spuren zeichnen sich dunkelgrün im feuchten Gras ab.  

Meine Reise nach Süden teile ich in zwei Etappen auf, die durch einen Zwischenstopp im Hintertaunus voneinander getrennt sind. Dort feiere ich zusammen mit meinen Großeltern den 87. Geburtstag von meinem Opa.

Im ICE von Münster nach Frankfurt lese ich Joseph Conrads Heart of Darkness, die fiktive Geschichte eines Seglers namens Marlow, der den Kongo-Fluss hinauffährt, als der Kongo noch die Kolonie des belgischen Königs Leopold war.

Der Zug verlässt gerade Bochum, als sich eine junge Mutter mit ihren beiden Kindern neben mich setzt. Die Mutter holt ein Deck Spielkarten hervor und zusammen spielen sie eine Runde Mau-Mau. Die Tochter, die ich auf etwa 3 Jahre schätze, schaut dabei ihrem älteren Bruder und ihrer Mutter gebannt zu. Was mir sofort auffällt, ist dass die Mutter mit ihren Kindern zweisprachig spricht, sowohl auf Deutsch als auch auf Spanisch. Als das Mau-Mau Spiel beendet ist, spreche ich die Frau darauf an und erfahre, dass sie als Tochter zweier Deutscher in Peru aufgewachsen ist und dort die Schule besuchte. Ihre Kinder werden zweisprachig groß, ihr Vater ist Peruaner.

Wir unterhalten uns erst auf Deutsch, später wechseln wir auf Spanisch. Die Kinder scheinen beide Sprachen problemlos zu sprechen und wechseln fließend zwischen Spanisch und Deutsch hin und her. Der Junge zeigt mir sein Sammelheft mit Pokémon Karten und erzählt mir stolz, wie er seine kleine Schwester ausgetrickst hat, um ihre guten Karten zu bekommen. Ich lache, denn das kommt mir sehr bekannt vor – ich habe als kleines Kind auch gerne versucht, meine jüngeren Geschwister auszutricksen. Es hat manchmal funktioniert…

Die Mutter der Kinder erzählt mir, dass für sie Peru eine zweite Heimat ist, auch wenn sie nicht mehr so oft dort ist. Ich kann das nachvollziehen, da es mir mit den U.S.A. ähnlich geht. Wenn ich dort bin, kommen mir so viele Dinge bekannt vor, dass es sich fast wie ein Nachhausekommen anfühlt, obwohl ich seit 2012 nicht mehr dort lebe und in der Zwischenzeit auch nur dreimal dort war.

Der nächste Halt ist Frankfurt Flughafen, bald muss ich aussteigen. Doch erst wollen mir die beiden Kinder noch etwas auf den Weg geben. Das kleine Mädchen gibt mir ein vierblättriges Kleeblatt aus Stoff, auf dem ein kleiner roter Marienkäfer klebt. Mit dem kleinen Klebepunkt an der Unterseite mache ich das Kleeblatt an meinem Helm fest. „Fast als ob ich aus Irland komme“, sage ich augenzwinkernd. „Jetzt werde ich bestimmt viel Glück haben“. Der Junge gibt mir einen Glücks-Cent.

Der Zug hält am Bahngleis und ich verabschiede mich von den dreien, die noch einige Stunden mehr im Zug sitzen müssen. Kurz bevor ich gehe, sagt der Junge, dass ich doch mit seiner Mutter Telefonnummern austauschen solle. Ich bin darauf nicht eingegangen, da das bei „Zugbekanntschaften“ nicht meine Angewohnheit ist. In diesem Fall denke ich aber im Nachhinein, dass es vielleicht für die Kinder spannend gewesen wäre, zu sehen, wohin ihre beiden Glücksbringer überall hin mitreisen werden.  

Am Frankfurter Flughafen kommt die Welt zusammen, doch ich habe keine Zeit den vielen reisenden Menschen zuzuschauen, sondern muss schnell zum Regionalbahnhof rennen, um meine S-Bahn zu erwischen. Ich schaffe es noch gerade rechtzeitig.

Zwei Umstiege später bin ich auf der anderen Seite vom Taunus und laufe vom Usinger Bahnhof zu meinen Großeltern. Schon von Weitem sagt mir meine Nase, dass auf dem Herd etwas sehr Leckeres steht. Ich rieche Curry und etwas Fruchtiges, was das wohl sein mag? Mir läuft im Mund das Wasser zusammen. Oma hat ein Hähnchen-Ananas Curry zubereitet! Das lassen wir uns jetzt zusammen schmecken!

Ich werde am Wochenende bei Oma und Opa sein und am Montag weiter nach München fahren. Von dort startet in wenigen Tagen wieder das Abenteuer.

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