Auch der nächste Tag beginnt mit Sonnenschein. Zum Frühstück gibt es einige Nüsse, ein Pfefferbeißer-Würstchen und ein Apfel. Normalerweise esse ich Haferflocken, aber weil ich gestern vergessen habe, meine Wasservorräte aufzufüllen, reicht mein Wasser für ein Hafer Müsli nicht mehr aus.
Ich fahre los und mache nach einigen Kilometern Bekanntschaft mit Schwester Kerstin Marie, eine Fahrrad-fahrende Nonne.
Schwester Kerstin Marie fährt nicht einfach mal so eine kleine Radtour: sie möchte heute 230 km fahren! Und das alles, während sie ihre traditionelle Nonnenkleidung trägt. Auf ihrem Rücken trägt sie einen Sportbeutel, der prall gefüllt ist, mit Snickers und anderen süßen Knabbereien für unterwegs.
“Und das ist nur ein Bruchteil dessen, was ich dabei habe”, erzählt mir Schwester Kerstin Marie. Sie fährt gerne mit dem Fahrrad, und möchte im nächsten Jahr an der Flèche Deutschland teilnehmen, ein 380 km Radrennen.
“Eine Nonne auf dem Fahrrad, ja, das macht die Leute schon neugierig”, sagt Schwester Kerstin Marie. “Leider habe ich meistens nicht so viel Zeit, deshalb mache ich meistens kürzere Radtouren: ein Wochenende, ein paar Tage.”
Schwester Kerstin Marie gehört einem Dominikanerorden an, und ist dort in einer Leitungsposition.
Sie war auch schon in Bolivien, zweimal.
“Das östliche Tiefland ist so schön”, erzählt sie begeistert. “Du musst unbedingt einmal Santa Cruz besuchen”, sagt sie mir.
“Erlebst du auch so viele freundliche Leute, wenn du auf dem Fahrrad unterwegs bist?”, fragt mich Schwester Kerstin Marie.
“Ja, auf jeden Fall!”, sage ich.
Kerstin Marie sagt: “Ich glaube wir Radfahrer sind ganz gern gesehene Zeitgenossen. Wir werden immer sehr gastfreundlich behandelt, vielleicht auch, weil die Menschen wissen, dass wir bald weiterfahren.”
Diesen letzten Satz sagt Schwester Kerstin Marie mit einem Augenzwinkern, aber ich glaube, da ist schon was dran. Da die Interaktionen immer nur für kurze Zeit sind, sind Sie dafür intensiver. Die Menschen haben etwas zu erzählen, sie haben jemanden neuen kennen gelernt, etwas, das nicht jeden Tag passiert.
Ich muss meine Wasserflaschen auffüllen. Schwester Kerstin Marie muss Kilometer machen. Wir verabschieden uns, aber vorher gebt mir Kerstin Marie noch etwas ganz besonderes mit: eine kleine Packung mit krokanten Käsebällchen aus Santa Cruz in Bolivien. Ich werde sie mir aufbewahren und heute Abend zum Nachtisch essen.
Nachdem ich mich von von Schwester Kerstin Marie verabschiedet hab, wechsle ich mit einem hölzerne Fährboot ans andere Donauufer. Kurz darauf ist der Radweg gesperrt, wegen Steinschlag. Ich nehme einen Umweg, fahre aus dem Donautal hinaus auf eine Anhöhe und treffe nach etwa 15 km wieder auf den Fluss. Dort setze ich mich auf eine Bank in der Sonne und schmiere mir zwei Semmel.
Weiter geht es, und der Rückenwind pustet mich nur so voran. Ich fahre an der Donau durch Linz, aber viel sehe ich von der Stadt nicht. An einem Frischwasserspender unter einer Autobahnbrücke fülle ich meine Wasserflaschen wieder auf. Ich lege noch 30 km zurück, als ich um 5:30 Uhr sage: jetzt reicht’s.
Ich suche mir einen Zeltplatz. Zum zweiten Mal gibt es Pasta mit Pesto. Aber ich beklage mich nicht. Morgen wird es dann eine neue Variante geben: statt Pesto gibt es Tomatensoße. Oder ich mache radikale Änderungen an meinem Speiseplan – und es ist stattdessen Reis mit Curry oder süßsauer auf dem Speiseplan. Mal schauen, was mein Herz (oder mein Magen) morgen begehrt.
Schon am Nachmittag wurde es wolkiger, und jetzt, als ich im Zelt liege, platzen die Wolken und ein heftiger Regenschauer prasselt auf mein Zelt hinab. Jetzt ist die Gelegenheit, dass mein neues Zelt seine Wasserdichtigkeit unter Beweis stellt. Bei Regen schläft man bekanntlich besonders gut, deshalb bleibt mir nun nichts anderes übrig, als eine gute Nacht, gute Träume und einen schönen morgigen Tag zu wünschen und mich zu verabschieden.

