Tag 69: Anstoßen auf Slowenisch

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Ich muss zugeben, mit romantischen Schlafplätzen habe ich es in Slowenien nicht so. Zum zweiten Mal rauscht neben mir eine Autobahn. Die LKWs donnern vorbei, die Reifen der Autos heulen in der Nacht. Durch den Wind, der von der Autobahn hin zu mir weht, scheint die Autobahn nur wenige Meter neben meinem Zelt vorbei zu führen.

Fast habe ich es heute geschafft, meine Minikamera zu zertrümmern. Es war gegen 16:00 Uhr am Ortsausgang eines kleinen Dorfes. 

Auf dem Hof vor dem letzten Haus stapelte ein Mann Holzscheite millimetergenau, sodass sie ineinander passten wie perfekt abgestimmte Puzzlestücke. Der Mann winkte mir zu und rief etwas auf Slowenisch. 

Ich verstand zwar nicht, was er fragte, aber ich vermutete, dass er wissen wollte, wohin ich unterwegs sei. Also sagte ich Kroatien und Griechenland. 

“Deutsch?”, fragte der Mann. 

“Ja”, nickte ich. 

“Komm doch her, mach eine kleine Pause, wir trinken einen Schnaps zusammen”, forderte mich der Mann auf. “Ich habe einen tollen Kräuterschnaps, selbst gemacht, mit 15 unterschiedlichen Kräutern, die ich hier in den Bergen gesammelt habe”, erklärte er.

Ich radelte in den Hof und stellte mein Fahrrad ab. Der Hof war nicht ganz eben, und mein Fahrrad stand offensichtlich nicht ganz stabil.

Der Mann machte gerade eine Geste mit der Hand, um auf den großen Stapel Holzscheite zu deuten, als sich seine Augen weiteten und es einen Riesenkrach hinter mir gab. Scheppernd war mein Fahrrad auf dem Boden gefallen, und die Kamera krachte mit der Linse zuerst auf den Kies-Untergrund.

Ich richtete mein Fahrrad wieder auf, stellte es diesmal stabiler hin. Bis auf wenige Kratzer am Gehäuse war meine Kamera fast unbeschadet davon gekommen.

Der Mann, der sich als Ivan vorstellte, ging mit mir in seinen Bastelschuppen. Dort stand eine große Glasamphore, in der ein grünlicher Schnaps schimmerte.

Daneben befanden sich noch zwei kleinere Krüge, in denen noch die Kräuter im Schnaps schwammen. Auf einem abgesägten Baumstamm standen bereits zwei Schnapsgläser parat. Ivan wuchtet die schwere Amphore vom Boden hoch und schenkte behutsam den Kräuterschnaps ein.

“Wo kommst du aus Deutschland her”, fragt mich Ivan.

Weil Ivan Münster nicht kennt, sage ich: “Köln”. 

Ivan erzählt: “Mein Bruder lebt seit 1974 in Deutschland, in Montabaur. Als er gegangen ist, war ich 15. Er ist also seitdem ich mich erinnern kann schon in Deutschland. Meine Mutter war auch in Deutschland, von 1941-45, als der Hitler hier nach Slowenien einmarschiert ist. Meine Mutter war eine sehr intelligente Frau. Sie hat in diesen vier Jahren perfekt Deutsch gelernt. Ein bisschen was hat sie mir auch beigebracht, deshalb spreche ich Deutsch.”

Ivan zeigt es sein neuestes Projekt: ein selbst zusammengeschweißter Grill. In seinem Bastelschuppen baumeln hunderte Werkzeuge von der alten Holzdecke. Etliche davon sehen aus, als seien sie schon seit Generationen in Gebrauch. 

“Ich liebe das Arbeiten”, sagt Ivan. “Der Grillrost, das sind 15 Kilo. So bleibe ich stark! Ich sag dir, ich werde beim Arbeiten sterben. Ich bin Holzhacker, Schlosser, und einen Weinberg habe ich auch noch. Mir wird die Arbeit nie ausgehen!”

Ivan lacht.

“Na zdravje!”

Ivan hebt sein Glas. 

Auf die gute Gesundheit und eine sichere Reise stoßen wir an.

Dann fahre ich weiter, und Ivan kehrt zurück an seinen Holzstapel. Die Arbeit ruft!

Ich bin kaum aus dem Hof rausgefahren,  da höre ich bereits, wie Ivan den nächsten Stamm spaltet. 

Etwa zwei Stunden später schlage ich mein Zelt auf der Wiese neben einem Vereinshaus auf, das einem Fischereiverein gehört. Die nahegelegene Autobahn wird mir nicht den Schlaf rauben. Ich bin müde genug, um durch einen Gewittersturm zu schlafen. Gute Nacht!

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