Tag 85: Chaos, Tiere und alte Männer

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Am Morgen: 9:00

Hund und Katze raufen. Die Katze klopft mit Schwanz auf den Boden, der Hund liegt auf ihr drauf. Mit ihren Tatzen schlägt die Katze nach seiner Nase, rudert in der Luft herum. Derweil versucht der Hund den Tatzenschlägen auszuweichen und zuzubeißen. Er beißt die Katze nur spielerisch, zwei Raufbolde am Morgen.

Jetzt versucht der Hund einen Stein zu fressen! Die Katze kauert unter Patricios Auto und schaut belustigt zu.

Ich verlasse die beiden und gehe wieder rein.

Im Haus ist Chaos. Jede freie Ecke ist zugestellt.

Patricio gehört zu den Menschen, die die Unordnung brauchen, um sich wohlzufühlen. Es gibt mehr Anhaltspunkte, mehr Stimulation. Man sieht sein Leben vor sich, und nicht weggepackt in Kisten und Schubladen.

Dennoch stellen sich mir die Fragen: Unordnung im Haus, Unordnung im Kopf? Kreatives Chaos oder Kapitulation? Oder einfach ein Mann, der alleine lebt?

Ich bin etwa eine halbe Stunde für mich allein, bis um 9:30 Uhr Paula dazu stößt.

„Bist du schon lange wach?“, fragt sie mich. „Ach, nein“, antworte ich. „Ich bin auch erst um 9:00 Uhr aufgestanden.“

„Ach so, Pedro braucht noch ein bisschen. Wir können ja schon mal den Garten anschauen. Komm, ich zeige dir die Schafe.“

Schon am Morgen habe ich Glöckchen gehört und dachte mir bereits, dass hier irgendwo Schafe oder Kühe sein müssen. Paula schneidet in der Küche etwas Obst, was sie zu den Schafen mitnimmt.

„Die Tiere – Frösche und Hühner gibt es nämlich auch – hat Patricio hauptsächlich für seine kleine Tochter“, erzählt mir Paula. „Sie hat den Schafen auch Namen gegeben, Maria und Sofia.“

„Und sind es auch beides Weibchen?“, frage ich.

„Ja, das habe ich mich auch schon gefragt, weil das eine Schaf Hörner hat und das andere nicht. Aber es sind wirklich beides Weibchen.“

„Dann sind die Namen ja gut ausgesucht“, meine ich.

Dobby – so heißt der kleine Hund, der sich mit der Katze gerauft hat – ist auch mit dabei. Das hohe Gras und Gestrüpp, durch das wir laufen ist ausgedörrt von der Sonne, und besteht nur noch aus einer blassgelben Hülle.

Das letzte bisschen Nass befindet sich im Schwimmbecken, was allerdings nicht wirklich gepflegt wird und nun, in Form eines Gartenteiches, ein zuhause für die Frösche ist. Sobald wir uns nähern, springen sie von ihren sonnigen Plätzen mit einem Riesensatz ins Wasser.

Wir laufen von den Schafen zurück zum Haus. „Vielleicht hast du bemerkt, dass es hier total viele Inder und Nepalesen gibt“, sagt Paula.

„Ja, das habe ich. Mir sind die ganzen Restaurants aufgefallen und auch auf der Straße habe ich einige Leute mit Turban gesehen.“

„Sie kommen hierher, um auf den Feldern und in den Gewächshäusern zu arbeiten. Hier werden viele Heidelbeeren und Himbeeren angebaut.“

„Hier freut man sich bestimmt über die billigen Arbeitskräfte“, meine ich.

„Ja, und die Einwanderer arbeiten hart“, sagt Paula. „Ich habe immer den allergrößten Respekt davor, wenn ich sehe, wie die Inder hier schuften und das Geld dann zurück zu ihren Familien schicken. Auch die Brasilianer, die hier sind, arbeiten fleißig.“

Pedro kommt ins Esszimmer herein und schaltet sich gleich ein. „Die Jobs, die hier die Inder und Nepalesen machen, die will kein Portugiese mehr machen.“

„Ist ja auch ein echter Knochenjob, bei der Hitze im Gewächshaus zu arbeiten“, sage ich.

„Ja, richtig. Aber da merkst du mal, wie schlecht es den Leuten in ihrer Heimat geht, dass sie Familie und Freunde zurücklassen, um so eine Arbeit in einem fernen Land zu machen“, sagt Pedro.

„Als ich in Indien war, da habe ich das erste Mal verstanden, warum Leute das tun. Dort habe ich etwas gesehen, wo ich dachte: Das kann es doch nicht mehr geben! Tausende Frauen waren den ganzen Tag mit nichts anderem beschäftigt, als Kuhfladen zu sammeln, diese in der Sonne zu trocknen und für wenig Geld als Brennstoff zu verkaufen. Das gibt es noch hier auf dieser Welt! Dass unter diesen Bedingungen die Existenz nicht gesichert ist, dass man unter Hunger und Krankheit leidet, das ist doch vollkommen klar. Und wer Hunger hat und seine Familie am Leben halten will, für den ist ein Job in einem portugiesischen Gewächshaus, egal wie hart, ein Rettungsring. Es ist auch so, dass die Leute aus den ehemaligen Kolonien, die die Chance haben möchten, sich zu verwirklichen, oft nach Portugal kommen. Nicht alle hier finden das gut.“

Paula erzählt: „Die Frauen aus den ehemaligen Kolonien sind ja oft wahnsinnig hübsch. Da wo ich herkomme, sind vor einigen Jahren viele brasilianische Frauen hingezogen. Richtig sexy, gut gepflegt. Die alten Herren in den Dörfern sind fast von ihren Stühlen gefallen. Die konnten die Augen gar nicht mehr zukriegen.“

„Eine ganze Menge sind durchgebrannt, haben sich von der bisherigen Ehefrau getrennt, Haus und Hof verlassen und eine der schönen Brasilianerinnen geheiratet. Es ging so weit, dass die alten portugiesischen Omas in den Straßen gegen die junge Brasilianerin protestiert haben, weil diese ja ihre Männer wegzaubern würden.“

„Die müssten sich aber erst mal selbst im Spiegel anschauen“, lacht Pedro. „Dann wüssten sie, warum ihre Männer verschwinden. Weißt du, die Omas sind oft nicht so gepflegt, haben richtige Schnurbärte. Wenn die Männer dann so eine Brasilianerin sehen, sind die schneller aus dem Staub als sie sexy sagen können.“

„Die Sprache ist in Brasilien auch viel liebkosender, viel mehr „my love“ und „mein Darling“. Das sind die alten portugiesischen Männer nicht gewohnt, und denken natürlich gleich: Sie liebt mich! Halleluja!“

„Die kapieren gar nicht, dass sie ruiniert sind, in dem Moment, wo sie abhauen.“

„Manchmal ist es doch bestimmt auch wahre Liebe?“, sage ich.

„Ja, natürlich. Ich erzähle gerade auch nur die extremen Beispiele, aber so trägt es sich wirklich öfter zu. Auch bei uns in dem Mietshaus ist das passiert. Nach einem Jahr kommt dann das erste Kind, kurz darauf das zweite. Dann kommt die ganze Verwandtschaft aus Brasilien hinüber und schließlich ist es der alte Knacker, der alle über Wasser halten muss. Lange lebt er nicht mehr, der klappt zusammen vor Erschöpfung!“

Wäre er doch nur bei seiner Oma mit Schnurrbart geblieben…

Nach dieser durchaus etwas zynischen Unterhaltung wechseln wir das Thema.

„Was machst du eigentlich als Beruf?“, frage ich Paula.

„Ich war früher Juristin, aber ich konnte mich mit dieser geregelten, teils tunnelblick-artigen Arbeit nicht anfreunden. Das Recht ging da über der Moral! Heute arbeite als Journalistin für die portugiesische Ärztekammer.“

„Ich sage immer, ich habe 50.000 Arbeitgeber. So viele Ärzte gibt es nämlich in Portugal. Technisch gesehen, ist also auch dein Onkel mein Arbeitgeber!“

„Es sind aber sind nicht genug Ärzte, wie ich in den Nachrichten sehe“, sage ich.

„Ja, das kommt aus verschiedenen Gründen. Einmal sind viele Ärzte ausgelaugt nach der Pandemie. Andererseits werden nicht genügend Ärzte ausgebildet. Und am entscheidendsten ist wohl der Wettbewerb zwischen Privatkrankenhäusern und staatlichen Krankenhäusern. Die privaten zahlen nämlich viel höhere Gehälter. In einem staatlichen Krankenhaus verdienst du als Arzt ungefähr 1500 € im Monat: bei einem privaten Krankenhaus kann sich das verdreifachen. Klar, dass die Ärzte abwandern zu Privatkliniken oder auch ins Ausland. Wie oft sehe ich Stellenanzeigen, aus Frankreich, Spanien oder England, wo portugiesische Ärzte umworben werden. Interessanterweise aber nicht so oft aus Deutschland“, fällt Paula ein.

„Also bei uns gibt es auch einen Mangel“, sage ich. „Aber offenbar ist man noch nicht verzweifelt genug, um in Portugal anzuwerben.“

Paula erzählt woran sie zurzeit arbeitet: „Gerade schreibe ich an einem Artikel über den demographischen Wandel und seine Auswirkungen auf das portugiesische Gesundheitssystem. Die Menschen hier werden auch immer älter, die Krankheitsprofile verändern sich hin zu chronischen, teuer zu behandelnden Krankheiten.“

„Das Schöne an unseren Jobs“, sagt Pedro, „ist, dass wir flexibel sind und von überall arbeiten können. Ich als Fotograf werde ja sogar förmlich eingeladen, in verrückte Ländern zu reisen.“

„Wir haben zwar nicht so viel Geld“, erzählt Paula, „Eigentlich geben wir fast alles für unsere Reisen aus.

„Nach so vielen Reisen, was macht denn Portugal für euch besonders? Was ist der portugiesische Spirit?“, frage ich die beiden.

„Früher hätte ich gesagt, es ist das Essen, das Wetter, die lebenslustigen Leute“, antwortet Paula. „Aber jetzt das ich viel gereist bin, weiß ich, all das gibt es auch an vielen anderen Orten auf der Welt. Früher dachte ich im Ernst, die portugiesische Küche sei die Allerbeste.“

„Aber auch in Asien, Frankreich oder Afrika haben wir fantastisch gegessen!“

„Was ist es dann?“

„Es ist die Sicherheit“, sagt Pedro, und erklärt sofort. „Wie gesagt: Tolles Essen, tolle Strände, tolle Leute – das gibt es in vielen Ländern. Aber die meisten davon sind viel unsicherer als Portugal.“

„Es gibt viele Videos im Internet, wo sich Brasilianer filmen, die nach Portugal gekommen sind und ganz erstaunt sind, dass sie ihr Handy in der Hand halten können, ohne dass es geklaut wird. Oder gar das Handy mit samt Hand verschwindet.“

„Leute, die sich filmen, wie sie Geld aus einem Bankautomaten entnehmen und jubeln, dass sie nicht überfallen werden. Leute, die es erstaunlich finden, dass sie an einer roten Ampel anhalten können, ohne als Leiche zu enden.“

„Darüber denken wir gar nicht mehr nach, aber um diese ständige Angst und Alarmbereitschaft erleichtert zu werden, das befreit ungemein. Man sieht es auf diesen Videos, die Betroffenen jubeln und bereiten die Arme aus, als könnten sie plötzlich fliegen! Will man Freiheit geben, so nehme man einige Ängste.“

Es ist also die Kombination aus hoher Lebensqualität und Sicherheit, die es ermöglicht die Früchte Portugals auch mit ruhigem Gewissen auszukosten.

Paula und Pedro machen sich nach dem Frühstück auf, um noch einen Freund an der spanischen Grenze zu besuchen. Ich bin bis zum späten Nachmittag König des Hauses.

19:00

Ich fahre mit Patricio in seinem uraltem Opel los, mit 400.000 km auf dem Tacho, um unser Hähnchen für das Abendessen abzuholen.

Patricio gibt auf dem Weg noch einem Patienten seine Medikation. Er ist Arzt mit Leib und Seele. Landarzt, das macht er mir deutlich.

„Ich bin seit 40 Jahren hier auf der in der Gegend“, sagt er. „Hier ist die Menschheit noch nicht entmenschlicht. Man sagt ‚Hallo‘, jeder kennt jeden.“

Patricio hat recht, auf jeden Fall mit seiner letzten Aussage. Auf den wenigen Kilometern zum Hühnermann grüßt er bestimmt 10 Menschen, die er kennt. Er winkt ihnen zu oder er springt aus dem Auto und uns umarmt sie kurz.

„Ich bin nicht religiös, aber ich glaube an die Botschaft der Liebe. Das man Menschen mit Respekt begegnen muss. Man erntet was man säht.“

Zu Hause angekommen machen wir noch einen Salat. Als Getränk gibt es einen „grünen Wein“, den Vinho Verde, den es nur in Portugal gibt. Der krönende Abschluss ist ein Fruchtschnaps, der feurig den Hals hinunterläuft.

Patricio erzählt dann, wie er nie Kinder haben wollte. Doch mit seiner fünften Frau bekam er eine Tochter, die jetzt sein Ein und Alles ist. Leider lebe sie bei seiner Frau, von der er mittlerweile geschieden ist.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich für einen Menschen so eine Liebe empfinden kann“, erzählt Patricio. „Aber das ist die Wahrheit. Ist es nicht komisch, dass ich nie wollte, was sich als das Beste in meinem Leben herausgestellt hat?“

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