Tunnelgänger mögen es nass

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Dreizehnter Wandertag
Oruña – Alter Eisenbahntunnel
28 Kilometer

Ich wache zum Regen auf. Sicherlich hört es sich in meinem Zelt viel dramatischer an, als es wirklich ist. Es hört sich an, als würden 1000 kleine Finger auf meinem Zelt trommeln. Mit jedem Windzug, der die Äste des Ahorns über mir in Bewegung bringt, wird mein Zelt regelrecht geduscht.

Aber es hilft alles nichts, ich muss weiterziehen. Während ich mein Zelt zusammenbaue, laufen schon die ersten Pilger an mir vorbei. Heute grüßen wenige – einige haben einen regelrecht mürrischen Gesichtsausdruck, als ob sie es nicht fassen können, dass es an der spanischen Nordküste auch mal regnet.

Nur einem einzige Wanderer scheint der Regen nichts auszumachen: Er läuft einfach im T-Shirt durch den Schauer, strahlt mich an, und wünscht mir einen schönen Wandertag. Dieses Strahlen nehme ich gerne an, und mache mich beschwingten Schrittes an die letzten 15 km nach Santander.

Von Santander fahren Fähren nach Plymouth, Cornwall und Portsmouth in England. Am Hafen liegt ein großes Industriegebiet mit zahlreichen Stahlhütten und Fischverarbeitungsbetrieben. Die Stadt selbst ist belebt, aber lässt viel von dem historischen Charakter anderer Küstenstädte im Norden Spaniens vermissen. Das liegt daran, dass Santander 1941 fast vollständig abgebrannt ist, und nur wenige historische Gebäude das Feuer überlebten.

Von Santander nehme ich einen Fernbus nach Castro Urdiales. Der Ort, der am östlichen Ende von Kantabrien liegt, ist der Zweitwohnsitz vieler Basken, was sich ganz schnell an der Anzahl der Pintxo-Bars ablesen lässt (Pintxo ist ein traditionelles baskisches Gericht, das heute wahrscheinlich dem “Fingerfood” zugeordnet werden würde).

Von Castro Urdiales aus wandere ich auf einer alten Bahntrasse zu dem Landhaus „Casa Pikatzaenea“, in dem ich mich mit Raquel und ihrer Familie treffen werde. Das Casa Pikatzaenea ist schon über 350 Jahre alt und befindet sich in einem winzigen Bauerndorf umgeben von Eichen und Kastanienwäldern. Doch erst mal muss ich es dorthin schaffen.

Nach etwa 10 Kilometern auf der Bahntrasse stehe ich nämlich plötzlich vor einem Tunnel. Meine Karte zeigt mir an, dass der Tunnel etwa zweieinhalb Kilometer lang ist. Er ist nicht beleuchtet, was mich aber nicht aufhält. „Mit meiner Stirnlampe wird das schon gehen“, denke ich.

Im Tunnel wird es sofort kühler und die Luftfeuchtigkeit steigt. Wasser tropft von der Decke, und an den Tunnelwänden, ziehen sich weiße Kalkspuren entlang, wo das das Wasser zum Boden fließt. Die weißen Kalkkristalle glitzern im Licht meiner Stirnlampe.

Der Boden ist aus Tonerde und rutschig, aber die vielen Fußabdrücke und sogar einige Mountainbikespuren machen mir Hoffnung, dass der Tunnel passierbar ist. Nach einigen 100 m fängt der Boden allerdings schon an, immer feuchter zu werden. Es wird schwieriger, den Pfützen auszuweichen. Das Wasser dringt in meine Schuhe ein, und der Schlamm klebt an meinen Sohlen.

Mit jedem Meter wird es matschiger. „Was muss das muss“, murmle ich zu mir selbst und stapfe weiter. Fünf Minuten später habe ich das Ergebnis: Ich stehe bis zu den Knöcheln im Wasser und vor mir ist der Tunnel komplett überflutet. Immerhin habe ich ein schönes Bild vor mir. Ich stelle mir vor, wie ich auf einem Paddelboot langsam in die Tiefen des überfluteten Eisenbahntunnels gleite.

Ohne Paddelboot gestehe mir jedoch ein, dass ich umdrehen muss, und dass ich meine Schuhe umsonst nass und matschig gemacht habe. Immerhin ist in der Nähe des Ausgangs vom Tunnel eine kleine Ebene Stelle, wo ich mein Zelt aufbauen kann. Außerdem fließt dort ein kleiner Bach entlang, so dass ich Wasser zum Kochen und abwaschen habe.

Ich lasse meine vollkommen durchnässten Schuhe noch etwa eine Stunde an meinen Füßen, damit sie durch die Körperwärme etwas austrocknen können und koche dabei meine Nudeln mit Dosengemüse. Als kleine Delikatesse gibt es dazu noch einige eingelegte Tintenfische. So kann ich trotz des missglückten Tunnelabenteuers zufrieden einschlafen und am nächsten Tag die letzten 15 Kilometer zum Landhaus bewältigen.

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