Willkommen in der Türkei

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Auf Kreta traf ich ein holländisches Pärchen älteren Jahrgangs. Sie waren mit ihren Fahrrädern unterwegs.

„So, und du willst also als Nächstes in die Türkei“, kommentierte der Mann damals meine Reiseroute. Er erzählte mir, dass sie früher über ein Dutzend Radreisen durch die Türkei gemacht hatten.

Seine Frau erklärte: „Aber seitdem Erdoğan da ist, gefällt es uns nicht mehr. Es gibt nur noch riesige Straßen.“

„Die ganzen kleinen Straßen sind verschwunden“, wiederholte der Mann. „Du fährst auf dem Seitenstreifen der Autobahn neben den LKWs her.“

„Uns gefällt so etwas nicht.“

„Aber ich will nicht alles schlechtreden“, fing sich der Mann wieder. „Die Türkei ist ein wunderschönes Land, und die Menschen dort sind so herzlich und gastfreundlich. Du wirst dort mit Sicherheit eine wunderschöne Zeit haben.“

Als Jakob und ich um 11:30 Uhr die Fähre verlassen und unsere Fahrräder den Bootssteg hinunter auf türkischen Boden rollen, spielt sich dieses Gespräch in meinem Kopf noch einmal ab. Werde ich wirklich nur auf Autobahnen und großen, ausgebauten Straßen unterwegs sein?

Bald weiß ich es.

In Marmaris müssen wir aber zuerst einkaufen und Geld abheben. Am Geldautomaten dann ein kleiner Schreck. Jakob hebt 10.000 Türkische Lira ab. Der Automat spuckt ein unwahrscheinlich dickes Bündel Geldscheine aus.

Kann das stimmen? Wie war noch einmal der Wechselkurs? Ich dachte, etwa ein Euro zu fünfzig Türkischen Lira.

„Oh Gott! Dann habe ich ja 2.000 € abgehoben“, sagt Jakob.

„Mist“, sage ich. „Irgendwie müssen wir das Geld wieder einzahlen.“

Aber es ist Sonntag, und die Banken haben geschlossen.

Mit so viel Bargeld herumzufahren, das ist doch verrückt! Und selbst wenn wir es zwischen uns aufteilen – so viel werden wir unmöglich ausgeben.

Doch Augenblick einmal. Wenn der Wechselkurs eins zu fünfzig ist …

Unsere von zu viel Sonne und Fahrradkilometern verbratenen Hirne versuchen, die Rechnung hinzukriegen. Der Verstand kommt bei dieser Inflationswährung nur langsam hinterher. Aber schließlich sind wir uns einig: Wir haben uns um den Faktor zehn verrechnet. Jakob hat 200 € abgehoben, genau wie er wollte.

Im Supermarkt zahlen wir umgerechnet 36 € für einen relativ kleinen Einkauf.

Die Preise waren doch so günstig? Kann das stimmen?

Wir schauen den Einkaufszettel genauer an. Für eine Paprika wurden uns sage und schreibe 26 € berechnet. Der Verkäufer hatte schon so verunsichert gewirkt, als er das Gemüse abgewogen hatte.

Wir gehen zurück in den Laden. Zunächst versucht uns der junge Verkäufer zu erklären, dass die Kasse einen Fehler gemacht habe. „System burn“, sagt uns sein Übersetzungsprogramm.

„Aber das müssen wir doch rückgängig machen“, versuchen wir dem Verkäufer zu erklären.

Der fängt an zu telefonieren, und kurze Zeit später taucht der Chef des Marktes auf. Er schaut sich ebenfalls unseren Einkaufszettel an, schließt die Kasse auf und zahlt uns den zu viel berechneten Betrag in bar aus.

Der Chef redet auf Türkisch mit dem Verkäufer.

„Sorry, my brothers“, entschuldigt sich der Verkäufer bei uns.

Jetzt geht die Reise los.

Wir schwingen uns auf die Räder und fahren auf die Autobahn. Es bleibt uns nichts anderes übrig. Ein riesiges Militärgelände versperrt die Durchfahrt entlang der Küste.

Screenshot

Wir fahren etwa zwanzig Kilometer auf der Autobahn, dann machen wir eine Pause an einer großen Tankstelle. Dort gibt es kostenlose Toiletten und Wasseranschlüsse, an denen wir unsere Flaschen auffüllen können.

Hinter der Tankstelle befindet sich ein kleines, eingezäuntes Gelände, auf dem einige Hühner frei herumlaufen. Bei der Hitze könnte man ihre Eier auf dem Asphalt braten.

Neben dem Hühnergehege finden wir einen kleinen schattigen Platz. Dort setzen wir uns hin, um etwas zu essen.

Wir haben es uns gerade bequem gemacht, als ein silbernes Auto vorfährt und eine Frau mit buntem Kopftuch aussteigt. Sie lächelt uns an und fragt:

„Chai?“

Schon holt sie eine Teekanne aus dem Kofferraum und gießt heißen Tee in zwei Plastikbecher.

Die Frau bringt uns den Tee und läuft wieder zurück zu ihrem Auto. Sie scheint etwas auf der Rückbank zu suchen. Kurz darauf kommt sie erneut auf uns zu. In ihren Händen hält sie zwei Plastikboxen, gefüllt mit Nussgebäck, Kuchen und Falafelrollen.

Wir sind von dieser Großzügigkeit überwältigt.

„Danke, danke“, sagen wir immer wieder auf Türkisch.

Die Frau lächelt, geht noch einmal zu ihrem Auto und bringt uns zusätzlich Servietten. Ihr Mann hat in der Zwischenzeit etwas im Tankstellengebäude besorgt. Als er sieht, wie seine Frau uns verwöhnt hat, lächelt auch er uns an und wünscht uns einen guten Appetit.

Zufrieden fahren die beiden davon. Kurz bevor sie auf die Autobahn fahren, winken sie uns noch einmal zu.

Wir konnten uns nicht miteinander unterhalten. Ich kenne die Namen unserer Wohltäter nicht, und sie kennen unsere nicht. Wir wissen nicht, woher sie kamen oder wohin sie unterwegs waren. Aber auch ohne uns überhaupt zu kennen, haben uns die beiden ein großartiges Mittagessen geschenkt.

Was für ein Willkommen in der Türkei!

Abends zelten wir neben einem großen See. Die Angler, alles Männer, sitzen aufgereiht am Ufer. Ihre Frauen haben Stofftücher auf dem mit Nadeln bedeckten Boden ausgebreitet und sitzen dort im Schneidersitz, kochen Tee und bereiten das Abendessen vor.

Bei uns gibt es einen roten Linseneintopf. In der Türkei sind die schnell kochenden Linsen überall zu finden, allerdings immer in Ein-Kilo-Packungen oder größer. Wir müssen also ziemlich viele Linsen essen.

Ein Glück, dass wir heute auch 105 Kilometer gefahren sind und der Appetit entsprechend groß ist!

Gute Nacht und bis morgen!

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